Fachkräfte-Mangel: Warum die Handelsketten gerade in der Feinkost massive Personal-Probleme haben

Feinschmecker gesucht!

  • Qualität der Bewerbungen nimmt ab
  • Kreativität und Kundenkontakt sind gefragt

Liebe und Gespür. Zwei Begriffe, die man in Stelleninseraten nicht sehr häufig liest. Doch sie sind an einem Punkt im Supermarkt besonders gefragt: in der Feinkost. Und genau dort hat der Handel am meisten mit Personal-Engpässen zu kämpfen. Noch dazu ist die Mitarbeiter-Fluktuation hier überdurchschnittlich hoch.

Rewe hat über 1.000 offene Feinkost-Stellen. 1.308 offene Stellen hat etwa die Rewe mit ihren Vertriebsschienen Billa und Merkur österreichweit ausgeschrieben. Doppelnennungen exkludiert bleiben unterm Strich etwa 1.000 Positionen übrig. Immer noch eine Menge. Rund ein Viertel davon sind leitende Vollzeit-Positionen, etwa Bereichsleiter oder Stellvertreter. Gesucht wird sowohl für bestehende als auch zukünftige Märkte. Die Adeg rekrutiert übrigens direkt über das Gründerservice. Sutterlüty geht ebenfalls noch selbstständig auf Suche.
Das Personal-Aufkommen in den Feinkost-Abteilungen ist enorm. Insgesamt beschäftigen Billa und Merkur 7.854 Feinkost-Mitarbeiter. Die Feinkost-Abteilungen umfassen in der Regel Wurst, Käse, Aufstriche, den Backshop (bei Billa und Merkur), Fisch (bei Merkur und teilweise Billa) und die heiße Theke. Die Arbeit mit Fleisch ist übrigens ausgenommen. Denn: Bei Penny sind in vielen Standorten Metzger vor Ort, bei Billa und Merkur erfolgt die Anlieferung über die Rewe-eigenen Fleischzerlege-Betriebe.

Der Handel als Kaderschmiede für Feinschmecker. Doch warum sind gerade in dieser Abteilung so viele Stellen unbesetzt? „Das Berufsbild eines Feinkost-Mitarbeiters ist oft zu wenig attraktiv für Bewerber. Lebensmittelkunde ist gefragt oder auch Wissen über Schneidetechniken und Rezepturen. Die Person darf den Kundenkontakt nicht scheuen“, sagt Manuela Koisser, MA, Gruppenleiterin Fläche und Lehrlinge vom Recruiting Center der Rewe International.

Spar. Beim Mitbewerber Spar ist die Versuchsanordnung nicht anders. „Einer unserer USPs ist, dass wir einen hohen Anteil an Bedienungsabteilungen mit kompetentem Personal haben – und demzufolge einen hohen Bedarf an Mitarbeitern. Diesen zu decken ist in zunehmendem Maße schwierig“, sagt Spar- Unternehmenssprecherin Mag. Nicole Berkmann. „Nicht alle, die grundsätzlich im Lebensmitteleinzelhandel arbeiten möchten, wollen auch in der Feinkost beschäftigt sein. Man muss direkten Kundenkontakt mögen. Viele haben auch einfach Respekt davor und Vorbehalte, was man alles wissen und können muss“, so Berkmann. Schulungen und ein umfangreiches Einsteige- und Ausbildungsprogramm, auch für völlige Quereinsteiger, stehen an der Tagesordnung. Auch in der Kommunikation wurde umgedacht. „Wir arbeiten jetzt mit ‚Sie bringen die Einsatzfreude und wir zeigen Ihnen, wie es geht‘ in der Kommunikation.“

Stammkunden. Die Kombination aus der Arbeit mit offenen Lebensmitteln und Beratung schreckt potenzielle Bewerber ab – davon ist auch Koisser überzeugt. Die Bedeutung der Abteilung ist allerdings nicht zu unterschätzen. „Die Feinkost ist der Schnittpunkt, um Stammkunden zu halten“, meint Koisser.

Aufgaben. Doch wie sieht ein Tagesablauf eigentlich aus? „In der Frühschicht ist der Arbeitsbeginn um zirka sechs Uhr bis nach Mittag. „Aber es wird natürlich immer gewechselt zwischen Früh- und Nachmittagsschicht, konform mit dem Arbeitszeitengesetz“, so Koisser. Vor Geschäftsbeginn steht Vorbereiten am Programm. Gebäck aufbacken, Käse folieren, Waren aufschneiden. Dann startet das Tagesgeschäft. „Für die Spitzen-Zeiten, etwa zu Mittag, können bereits zielgruppen-spezifische Produkte vorbereitet werden.“ Auch spielt der aktive Verkauf via Verkostungsboxen eine wichtige Rolle. Außerdem: Hygiene aufrechterhalten, den Schwund-Bereich möglichst geringhalten.

Wie erfolgt die Personalsuche bei der Rewe? In einem ersten Schritt wird der Bedarf erfasst und auf der Website rewe-group.jobs in Form einer Ausschreibung veröffentlicht. Zeitgleich erfolgt eine Verknüpfung mit anderen Job-Plattformen. „Gibt es keine Rückläufer, schalten wir Print- und Online-Inserate“, erklärt Koisser.

Wenig Rücklauf. Zu den Hotspots, wo dringend Mitarbeiter gesucht werden, zählt der Westen Österreichs, Oberösterreich, Ennstal, Randbezirke in Niederösterreich. „Hier treffen fast keine Bewerbungen ein.“ Wie sieht die Situation in Wien aus? „Die Quantität ist höher als die Qualität. Insbesondere für leitende Positionen geht der Rücklauf gegen Null.“ Überhaupt sei das Niveau im Lauf der Jahre etwas zurückgegangen, aber auch die potenziellen Bewerber werden weniger.

Ihren Wunsch-Mitarbeiter beschreibt Koisser wie folgt: „Durch die beratende Funktion ist Deutsch-Kenntnis ein wichtiges Kriterium. Die Person sollte schon beruflich mit Hygiene zu tun gehabt haben, eine Handelsvorbildung ist aber nicht Voraussetzung. Außerdem: keine Angst vor Kundenkontakt.“

Bezahlung. Und was wird Mitarbeitern bei Rewe geboten? Gratis Aus- und Weiterbildungen. Leistungen der Rewe-Group (von Krankenvorsorge bis hin zu ärztlichen Untersuchungen). In Leitungspositionen gibt es Anspruch auf Leistungsprämien und Umsatzbeteiligungen an Filialen. Der Handels-Kollektivvertrag liegt bei 1.634 Euro auf Vollzeitbasis. Berufsjahre und Vorerfahrung werden natürlich angerechnet und dementsprechend abgegolten. „Es ist ein Job, bei dem man sich selbst verwirklichen kann“, ist Koisser überzeugt. Kreativität komme nicht zu kurz. „Es gibt ein Basis-Sortiment, aber darüber hinaus haben Feinkost-Mitarbeiter Gestaltungsspielraum, etwa bei der ansprechenden Präsentation der Ware oder der Kreation individueller Snacks. Und der Kundenkontakt bringt Abwechslung im Job.“

Verena Widl