Übereinstimmung am „REGAL-Fleischforum“

Preise, Aktionen & andere Trends

Der mediale Hype um Vegetarismus „war nicht gerade wachstumsfördernd“, erklärt KeyQuest-Geschäftsführer Johannes Mayr. Doch: 2015 lebten in Österreich gerade einmal fünf Prozent Veganer/Vegetarier und weitere 16 Prozent Flexitarier. „Eine Zahl, die nur leicht zunimmt“, so Mayr. Und: „Untersuchungen zeigen, dass rund 84 Prozent der Vegetarier wieder zum Fleischkonsum zurückkehren“, sagt Spar-Direktor Alois Huber. Dennoch: „Es gibt aktuell einen radikalisierten Anti-Fleisch-Trend.“ Ein Trend, der von Handel im Eindruck der scheinbaren Konsumenten-Stimmung gepusht wird. „Und trotzdem fehlt der große Anfrage-Boom. Vega Vita und Co ist kein Fleischumsatz-Vernichter“, so Adeg-Kaufmann Markus Haferl. Ähnlich beurteilt das Spar-Kauffrau Bettina Zsabetich: „Vegetarismus ist einfach gerade in.“ Der große Wurf seien eischlose Artikel nicht. „Die Zahlen zeigen, dass wir in diesem Bereich bereits Stagnation haben“, so Herbert Schmid, Geschäftsführer Louiz.

Noch schlimmer war die gleichzeitige Hexenjagd im Zuge der WHO-Berichterstattung: „Der WHO-Bericht wurde in den Medien äußerst fehlerhaft zitiert“, so Silvia Zellhofer, BSc, Institut Resize. Etwa im Bereich Darmkrebsrisiko: „Hält sich der Konsument nicht an die vorgebenen Wurstmengen, wurde ihm ein um 18 Prozent steigendes Darmkrebsrisiko attestiert. In Wirklichkeit steigt das Risiko bei einem 65-Jährigen Mann von 2,2 auf 3,3 Prozent.“

Und dennoch gibt es, trotz der allgemeinen Anti-Fleischwelle, Wachstumschancen für die Branche. Selbstbedienung und Convenience sowie die Beschäftigung mit den Themen Fleischkonsum und Tierhaltung sind hier die wesentlichen Zugpferde. „Ready-to-eat oder Ready-to-heat sind die Mega-Trends“, so Huber.

Weiterer Renner: SB. Denn die Bedien-Anteile bei Wurst und Schinken gehen zurück. Der gesamte LEH verkauft mittlerweile nur noch 29,6 Prozent des Segments über Theken. Bedien-Kaiser ist Adeg: Hier gingen die Anteile als einzige Vertriebsschiene hinauf: Von 62 auf 63,5 Prozent. Bei Billa und Merkur brach der Anteil (von 36 auf 33,4 Prozent) genauso ein, wie bei Spar (von 46 auf 43,3 Prozent) oder Nah&Frisch (von 70 auf 66,8 Prozent). Bei MPreis bleibt das Segment Theke mit 36,5 Prozent stabil. Dass die Rallye nicht unbedingt in diesem Tempo weitergehen muss, macht Mayr anhand des Damoklesschwerts Verpackung fest. „Es gilt abzuwarten, ob das Thema Phthalate die Fleisch-&Wurst-Branche erreicht.“ Doch auch ohne des Eintreffens dieses Worst-Case-Szenarios hat auch die Theke ihre Möglichkeiten. „Der Feinkostbereich muss ordentlich strukturiert sein. Im Fokus: Die Ware und nicht der Preis. Dazu: Saisonen in der Gestaltung einzubeziehen“, so Unternehmensberater Johann Stabauer. Dabei können kleine Dinge viel bewegen: „Oft bewirken saubere, bunte Plastiktassen schon einiges.“

Doch die Branche kämpft auch mit äußeren Faktoren: Alleine das Russland-Embargo kostet knapp 50 Millionen Euro, der zunehmende Außer-Haus-Verzehr lässt die LEH-Absätze schmelzen. Dazu kommt die Zielpunkt-Pleite und deren Folgen. Ebenfalls ein großer Faktor: Gesättigte Märkte und die Moralisierung des Essens. „Wobei wir klar sagen müssen, dass steigendes Tierwohl auch etwas kostet. Der Bauer kann diese zunehmenden Erfordernisse nicht zum Nulltarif produzieren“, so Gut Streitdorf.

Welche Mittel stehen dem LEH dabei zur Verfügung. Huber: „Absicherung durch das AMA-Gütesiegel, Bezug zur Regionalität und klare Nachvollziehbarkeit vom Landwirt bis zur Theke.“ Fix-Bausteine, die sich unter jahrelanger Entwicklung etabliert haben: „Regionalität ist vertrauensbildend und deshalb erfolgreich“, erklärt Dipl.-HLFL-Ing. Robert Mühlecker. Ähnliches sieht Gourmetfein-Geschäftsführer: „Als Qualitätsanbieter sind wir drauf und dran, dass wir auf jedem Produkt den jeweiligen Rohstof ieferanten wiedergeben können“, so Mag. Florian Hippesroither. Die Nachfrage sei in den Verkaufslokalen spürbar: „Regionalität ist wichtiger als Bio“, weiß Zsabetich.

Die Branche stöhnt unter der Wertevernichtung. „Wir müssen am Zusammenhang MY
zwischen Kurant- und Aktionspreisen arbeiten. Es muss jeder in der Wertschöpfungskette etwas verdienen“, so Haferl. Aktionen sind aber nicht verhinderbar. „Wir haben in der Fleisch- und Wurstbranche einen Aktionsanteil von knapp unter 30 Prozent. Das ist für die einen zu hoch, für die anderen gerade noch akzeptabel. Das ist Ansichtssache“, so Rewe Austria Fleischwaren Geschäftsführer Michael Riegler. Es müsse auch akzeptiert werden, dass diese Aktivitäten auch Verkaufsimpulse auslösen und „so erst Mengen abgesetzt werden können.“ „Ich möchte nicht wissen, wie der Preisdruck ohne Mengenabsätze wäre.“

Es gibt dennoch Konsumenten, die nicht auf den Preis schauen müssen. „Das sind wohl rund zehn Prozent, die unter dem Strich sehr wichtig für uns sind“, so Zsabetich. Am anderen Ende sind andere Kundengruppen, „die auch bedient werden müssen. Es leben rund eine Million Österreicher knapp über oder unter der Armutsgrenze“, so Riegler.

Herbert Schneeweiß