REGAL sprach mit David Bosshart, CEO GDI Gottlieb Duttweiler Institute

Wie essen wir morgen?

  • Frische immer wichtiger
  • Essen als Ersatzreligion

REGAL: Herr Bosshart, welche drei große Megatrends in der Ernährung sehen Sie?
Bosshart: Lebensmittel sind zu einer Ersatzreligion geworden. Wir definieren uns heute darüber, was wir essen – oder gerade nicht essen. Die jungen Köche sind die Rockstars der Gegenwart. Der Veganismus ist so etwas wie der Wohlstandsmarxismus der Gegenwart.
Der zweite Trend beinhaltet die Frage: Wer beeinflusst mich bei der Essensentscheidung? Früher entschied die Mutter, was auf den Tisch kam. Heute ist das viel komplexer. Wir wissen aus der Verhaltensforschung, dass Konsumenten pro Tag 250 ernährungsbezogene Entscheidungen treffen. Heute beeinflussen die Algorithmen von Google, die Facebook-Freunde, der Diät-Arzt, der Rabatt-Coupon im Laden oder der Metzger die Essensentscheidung.
Der dritte Trend betrifft die Frage: Wie schnell kommt die Ware zum Konsumenten? Heute will der Konsument alles sofort. Stichwort mobiles Internet.

Wie sieht es mit Zucker, Fett, Salz aus?
Frische wird immer wichtiger. Der Salat wächst demnächst im Laden. Sogar bei der Kosmetik geht der Trend zu Frische-Kosmetik. Nebst der Technologisierung unseres Essens gibt es eine Sehnsucht nach Romantik beim Essen: Frische, Nähe, Geschmack. All das kann der Markenartikler nicht bieten. Denn wesentliches Argument für eine Regalplatzierung ist die Lagerhaltung, die Haltbarkeit. Dazu braucht es Salz, Zucker, Fett. Heute streitet man über die Dosierung.

Wie sieht das dann für die klassischen Markenartikler wie Nestlé, Unilever aus? Sind Lebensmittel-Marken morgen noch „in“?
Bei frischebezogenen Artikel wie etwa Schokolade wird es schwieriger für Marken, den Mehrwert zu kommunizieren. Bei Würzmitteln, die als „stille Helfer“ im Hintergrund agieren, ist es tendenziell weniger problematisch.

Wie kaufen wir in Zukunft ein?
Der Lebensmittelhandel braucht heute eine Mindestfläche von 2.500 bis 3.000m², um Atmosphäre und Attraktivität zu bieten. Dazu gehört immer mehr auch die Gastronomie. Eataly ist hier beispielgebend.

Welches Potenzial sehen Sie derzeit für den Online-Handel bei Lebensmittel?
Den Kundinnen interessiert nicht der Kanal, sondern nur, dass die Ware schnell und bequem zu ihnen kommt. Alles was bequem ist, setzt sich langfristig durch. Was boomt, sind kleine mobile Stationen, die ähnlich wie ein Kiosk funktionieren. Warum soll man nicht beispielsweise Saisonprodukte wie Spargel für unterwegs anbieten?

Verena Widl