Exklusiv mit Rewe-Generaldirektor Frank Hensel: „Heuer läuft’s gut!“ Aber ...

  • Umsatz steigt auf 8,14 Milliarden Euro
  • Investitionsvolumen beträgt 2016 rund 400 Millionen Euro: Zielpunkt-Lager wird gekauft, Drehscheiben in Stams und St. Veit erweitert

Regal: Die Rewe International AG hat das Jahr 2015 mit einem Plus von 2,81 Prozent abgeschlossen. Insgesamt wurde alleine in Österreich ein Umsatz von 8,14 Milliarden Euro erzielt. Setzt sich dieser Trend auch 2016 fort?
Hensel: Wir können hier natürlich bis jetzt nur einen relativ kurzen Zeitraum in Betracht ziehen. Und das bei aller Vorsicht, weil der frühe Oster-Termin zu Verschiebungen geführt hat. Zusätzlich fiel Ostern heuer auf das Monatsende, was mittlerweile ebenfalls Einfluss auf die Umsätze hat. Am Ende des Monats ist die Konsumfreude etwas gedämpfter, weil den Konsumenten nach dem 25. des Monats weniger Geld im Portemonnaie bleibt. Ein Phänomen, das wir bis vor kurzem nur in Osteuropa gesehen haben. Alles in allem hatten wir jedoch einen sehr guten dynamischen Start, alle Vertriebsschienen sind im Plus.

Auch Bipa?
Bei Bipa spüren wir nach wie vor die negative Preisentwicklung. Diese deflationären Tendenzen begleiten uns im Drogeriefachhandel schon länger.

Spüren Sie bereits Auswirkungen des Schelling-Hunderters?
Leider noch nicht, was ich sehr bedaure, weil ich die Maßnahme sehr positiv sehe. Es gibt aber Gründe, warum das so ist. Der Jahresanfang ist unter anderem immer schwierig, weil in den Haushalten Abrechnungen des Vorjahres oder auch Jahreszahlungen, etwa bei Versicherungen, ins Haus flattern. Dazu kommt eine allgemein hohe Belastung. Deshalb nehmen die Österreicher diese steuerliche Vergünstigung noch nicht so stark wahr.

Wo liegen die Probleme im Handel? Wir haben in den letzten Jahren besprochen, dass die Kaufkraft sinkt, dazu die brennenden Themen Deflation sowie Overpricing und Understoring am Radar gehabt?
Seit langer Zeit gab es 2015 erstmals wieder eine Netto-Umsatzentwicklung. Das ist unter anderem auf die niedrige Inflationsrate zurückzuführen. Aktuell (Anm: Ende März 2016) liegen wir bei 0,7 Prozent. Die sinkende Kaufkraft halte ich aber nur für ein Symptom. Die hohe Arbeitslosigkeit macht mir zum Beispiel Sorgen, weil sie meiner Meinung nach nicht mehr konjunkturell, sondern strukturell ist. Das äußert sich dann auch in deflationären Tendenzen: Denn natürlich müssen Händler Anreize schaffen, dass der Konsument auch mit weniger Geld mehr kaufen kann.

Und das fußt im Thema Aktionitis? Der Aktionsanteil hierzulande ist höher als in Deutschland oder der Schweiz.
Richtig. In Deutschland ist er deutlich geringer. Aber die Märkte sind einfach unterschiedlich, weil sie unterschiedliche Rahmenbedingungen und Entwicklungen haben. Es ist zweifellos so, dass in Deutschland der Kurant-Preis im Fokus steht. In Österreich ist es umgekehrt. Die Österreicher sind Aktionskunden. In Osteuropa sind wir jedoch bei den Aktionsanteilen noch deutlich höher. Tschechien zum Beispiel liegt bei knapp 50 Prozent. Ich glaube, dass Aktionen in Österreich immer ein wesentliches Instrument bleiben werden. Ich glaube aber auch, dass es ein gutes Verhältnis zum Kurantpreis geben muss. Deshalb setzen wir auch vermehrt auf den „Dauerniedrigpreis“.

Werden die Aktionsanteile weiter steigen?
Es wird sich ausbalancieren. Ich glaube, dass der Aktionsanteil nicht mehr steigt, sondern der Fokus stärker als bisher auf dem Regalpreis liegen wird. Wir werden aber beim Aktionsanteil auf dem jetzigen Niveau bleiben.

Hohe Aktionsanteile wirken sich auf die Rentabilität aus. Trotzdem spricht die Arbeiterkammer (AK) davon, dass der Handel zu teuer ist?
Die AK bezieht ja leider Aktionen und Stammkundenvorteile nicht mit ein. Preise werden außerdem nicht von Unternehmen erfunden, sondern sie bilden sich am Markt. Sie hängen mit Angebot und Nachfrage zusammen, aber auch mit Kostenstrukturen. Und die sind in Österreich gänzlich anders als in Deutschland. Höhere Lohnnebenkosten, höhere Sozialabgaben, höhere Logistikkosten und vieles mehr. Das muss kalkuliert werden. Diese Diskussion über einen „Österreich-Aufschlag“ führt zu einer Verunsicherung des Konsumenten und fördert dadurch die Entwicklung einer negativen Preisspirale.

Was können Sie der AK entgegnen, wenn die Forderung nach billigeren Preisen kommt?
Hier wirtschaftet niemand aus Profitgier in die eigene Tasche, es gibt keinen „Österreich-Aufschlag“ beim Preis, sondern einen bei den Kosten. Mit solchen Preisvergleichen sorgen wir nur dafür, dass der Konsument unsicher ist und unsichere Konsumenten halten sich beim Konsum zwangsläufig zurück. Das ist unser Grundproblem. Die Stimmung ist schlechter als die Situation und es wird alles getan, damit sie noch schlechter wird. Das schadet am Ende dem Wirtschaftsstandort Österreich.

Sie werden im laufenden Jahr 400 Millionen Euro investieren. Wo liegen die Schwerpunkte des Investitionsprogramms?
Das ist über die Jahre hinweg relativ konstant. Der überwiegende Teil geht in unser Filialnetz. Das ist kein außergewöhnliches Umbau-Programm, sondern unsere laufende „qualitative Expansion“. Im nächsten Jahr werden wir rund 300 Millionen in Österreich investieren. Ein weiterer wichtiger Baustein liegt dabei wieder in der Logistik: Wir werden die Frischeläger in St. Veit und in Stams erweitern. Vor zwei Jahren ging das zweite Zentrallager in Ohlsdorf in Betrieb, dann wurden im letzten Jahr die Frischeläger in Kalsdorf und St. Pölten erweitert. Wir haben zudem, das ehemalige Zielpunkt-Lager, das an unserem Standort in Inzersdorf grenzt, erworben.

Wo sehen Sie noch Wachstumschancen für die Rewe International AG?
In einem stark entwickelten Markt wie Österreich durch ein besseres Filialnetz und bessere Sortimente und neue Akzente wie z.B. den Online-Handel oder maßgeschneiderte Convenience-Angebote. In Osteuropa gibt es auch noch expansive Wachstumschancen.

Welche Rolle spielt die Technik?
Die Technik hilft uns dabei, Kostensteigerung zu kompensieren oder im Fall der Digitalisierung auch neue Vertriebswege zu erschließen. Wir greifen Trends auf und sichern damit Potenziale, so zum Beispiel mit dem Brot&Gebäck-Regal. Oder aber langfristig mit unserem Multi-Channel Konzept im Online-Handel.

Wie läuft es in der Ukraine?
Bei all den widrigen Umständen haben wir uns dort wacker geschlagen und liegen – in Landeswährung – knapp über 20 Prozent im Plus. Wir waren aufgrund unserer Standortkonzentration auf Kiew auch nicht so stark vom Konflikt in der Ostukraine betroffen.

Der Diskont übernimmt immer mehr Domänen des Supermarkts. Wie hält sich der Supermarkt gegenüber dem Diskont fit?
Bis zum Jahr 2014 haben die Diskonter mit ihrem herkömmlichen Konzept am Markt in Österreich verloren. Es ist an sich sehr logisch, dass sie nun in neue Bereiche vordringen, die Elemente des Supermarktes sind. So nähern sich beide Formate an, werden aber ihre jeweiligen Stärken immer ausspielen. Wir setzen im Supermarkt ja auch Komponenten des Diskonts ein wie mehr Eigenmarken, Preiseinstiegssegmente und ähnliches. Der Kunde jedoch wird am Ende dort kaufen, wo seine Bedürfnisse am besten erfüllt werden.

Wie beurteilen Sie den Einstieg des Diskonts im Bereich Brot- und Backwaren?
Der Diskont hat in eine Supermarkt-Domäne investiert. Darauf müssen wir Antworten finden. So haben wir zum Beispiel die Module des Diskonts übernommen, um Kosten zu sparen. Aber wir haben zusätzlich immer noch Bedien-Angebote und die dreifache Artikelanzahl. Die Produktion im Markt wird uns der Diskonter nicht so schnell nachmachen. Wir investieren in Service, wir greifen technische Innovationen auf und sparen damit Zeit, die unsere Mitarbeiter im Service und in der Beratung einsetzen können. Darin werden wir uns immer vom Diskont unterscheiden.

Was sind Trendthemen im Sortiment?
Wachstumsgebiete sind Convenience, wo wir schon 1.000 Artikel führen. Außerdem Bio, Regionalität, vegan, vegetarisch, Außer-Haus-Verzehr.

Bei Bio ist Öster­reich stark?
Bei Bio sind wir Musterland. Wir haben einen doppelt so hohen Bio-Anteil wie Deutschland. Auch Regionalität spielt eine sehr große Rolle. Beides hat weiterhin steigende Bedeutung. Ein weiterer Trend ist Individualisierung. Der Konsument will Convenience, aber individualisierte Convenience. Künftig will der Kunde Produkte – wie zum Beispiel Müsli – selbst zusammenstellen können. Dem tragen wir mit MeinMüsli schon Rechnung.

Wir zitieren den Rewe Chef Caparros. Er sagte wörtlich: „Wir testen jetzt in einigen Filialen, den Marktleitern ähnliche Freiheiten zu lassen wie den selbständigen Kaufleuten von Rewe. Der Marktleiter darf etwa seine Mitarbeiter selbst einstellen und er kann Sortimente und Preise mitgestalten. Wir müssen in Zukunft ganz lokal arbeiten, um erfolgreich zu sein.“
Hundertprozentige Übereinstimmung. Wir sehen hier großes Potenzial. Aber es gibt Unterschiede in den Vertriebsschienen. Am konsequentesten leben wir das bei ­Merkur. Ein Merkur-Marktmanager stellt seine Leute ein, er hat die Gesamtverantwortung für seinen Markt und dessen Umsatz und kann regionale Sortimente bestimmen. Das ist ein Weg, den wir weiter gehen wollen. Aber das kann man nicht einfach nur verordnen. Da brauchen wir auch die richtigen Leute dazu. Wir arbeiten konsequent daran, unternehmerische Persönlichkeiten für uns zu gewinnen und zu fördern.

Wird der Akademiker-Anteil in Marktmanager-Positionen weiter steigen. Ist ein Anteil von 20 Prozent realistisch?
Das ist heute schon so. Ein Merkur-Marktmanager trägt Personalverantwortung für 100 bis 120 Mitarbeiter. Das entspricht einem mittelständischen Unternehmen. Die richtige Führung ist sehr eng mit dem Erfolg des Standorts verbunden. Hier sind standortbezogene Umsatzsprünge bis zu 30 Prozent möglich.

Wo sehen Sie den Hightech-Schub in den Märkten?
Ich glaube, dass wir weiter einfache Tätigkeit durch technische Innovationen ablösen müssen. Ich höre des Öfteren, dass wir uns mit technischen Applikationen wie z.B. Self-Checkout-Kassen ­Mitarbeiter einsparen. Das stimmt nicht, die Mitarbeiterzahl bleibt gleich, die Mitarbeiter haben aber mehr Zeit, sich um Service und Beratung zu kümmern.

Welchen Einfluss hat Online auf Ihr Geschäft?
Der Einfluss ist enorm. Da müssen wir dabei sein. Es ist unserer Meinung nach total falsch abzuwarten. Wir setzen aber auf Multi-Channeling, denn die am Kundenbedürfnis ausgerichtete Verbindung von stationär und online macht den entscheidenden Unterschied. Der Kunde kann online bestellen und seine Waren dann per Click&Collect in der Filiale abholen oder sich nach Hause liefern lassen, direkt in der Filiale, online oder bei Lieferung bezahlen, ganz nach Wunsch. Hier gibt es noch viel Potenzial.

Was wünschen Sie sich von der Industrie?
Wir entwickeln viele Eigenmarken, weil die Industrie uns in verschiedenen Bereichen keine Artikel anbietet. Denken Sie z.B. an Vega Vita. Wir wünschen uns darüber hinaus mehr echte Innovationen. Ich erwarte mir von der Industrie zudem weniger Jammerei, sondern einen Blick nach vorne.

Wie sind Sie mit der Adeg zufrieden?
Ich bin mit Adeg sehr zufrieden. Wir wachsen. Der Abschmelzungsprozess bei den Einzelhändlern wird im Großhandel kompensiert. Die Tankstellen-Belieferung z.B. steigt zweistellig. Die Expansion bei den Kaufleuten haben wir aber noch vor uns.

Zum Schluss eine private Frage: Wechseln Sie 2018 nach Deutschland?
Nein, ich bin sehr gerne in Österreich und werde meinen Lebensmittelpunkt auch nach meiner beruflichen Zeit hier haben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Manfred Schuhmayer