REGAL-Lokalaugenschein bei Spar Ungarn

Spar forciert Kaufleute in Ungarn

  • Umsatz stieg 2016 auf 1,660 Milliarden Euro
  • 507 Geschäfte am Netz, Fernziel: 1.000 Standorte
  • Neue Expansion mit Kaufleuten

Es ist die unglaubliche Weite. Der Blick über das trockene, imposante Grasland. Die Puszta mit ihrer flirrenden Hitze und den typischen Ziehbrunnen. Das Auflodern der ungarischen Lebensfreude ganz nach dem Bilderbuch. In den Ausläufern der Tiefebene ist sie spürbar. Und es ist nicht verwunderlich, warum gerade hier, in Érd, im Komitat Pest, sich die Menschen ansiedeln. In der Satellitenstadt im südwestlichen Speckgürtel von Budapest. Rund 80.000 Menschen sind mittlerweile in der Groß-Stadt nahe der boomenden Landes-Metropole gemeldet. Tendenz steigend.

Neues Projekt in Érd. Die Spar hat den Aufstieg der Stadt früh richtig eingeschätzt. Die Genehmigungen für den Interspar-Markt und das angeschlossene FMZ wurden bereits vor den Gesetzesnovellen und der Reglementierung der Geschäftsflächen eingeholt. „Wir haben den richtigen Riecher gehabt“, so Vertriebsgeschäftsführer Zsolt Szalay im REGAL-Gespräch.

Denn: Der kleinste Interspar-Markt (Verkaufsfläche: 3.100 m2) gehört mittlerweile zu den Top-Geschäften des Landes. „Die Flächenproduktivität soll die Nummer drei im Land werden“, präzisiert Szalay. 2017 soll der Standort bereits 3,5 Milliarden Forint (11,5 Millionen Euro) einspielen und geht damit auf die Jagd des Interspar-Umsatz-Giganten in Budapest Allee.

Durchschnittliche Interspar-Flächen. Früher operierte die Interspar in Ungarn noch mit größeren Flächen. „Aktuell reichen 3.000 bis 3.500 m2 aus“, so der Geschäftsführer. Im Schnitt sind die Großverbrauchermärkte rund 4.000 m2 groß. Insgesamt stehen 137.474 m2 Verkaufsfläche zur Verfügung.

Interspar Érd. Das Érder Schmuckkästchen ist aktueller Endpunkt einer kontinuierlichen Entwicklung. Die Eckpfeiler: Extreme Frische-Ausrichtung, Spezial-Sortimente, den örtlichen Kundenbedürfnissen angepasste Non Food II-Paletten.

Spezial-Sortimente. Wobei die Positionierung anders ist als jene der Austro-Großfläche. „Die Marke Spar ist in Ungarn extrem wertig besetzt und steht für absolute Qualität und Frische.“ Das spiegelt sich auch im Hungaro-Sortiment wider: Eiweißbrot gibt es genauso wie Roggen-Weckerl. „Auch hinsichtlich des Preises wird ein sehr breites Sortiment angeboten. “ Top-Produkte im Brot-Regal kommen laut Regaletikett auf fünf bis sechs Euro pro Kilogramm.

Eigenmarken und Aktionen. Und das trotz der Rahmenbedingungen: Der Mindestlohn für 40 Stunden ist erst kürzlich auf 400 Euro angehoben worden. „Dennoch funktionieren bei uns auch Spezial-Artikel.“ Genauso wie bio, vegan, vegetarisch oder internationale Sortimente. „Die Spar-Eigenmarken-Bioprodukte haben wir auf eigenen Regalmetern zusammengezogen. Die Marke hat Kraft und ist bekannt.“ Und das obwohl die Eigenmarken-Anteile „erst zwischen 23 und 24 Prozent liegen.“ Bei den Absätzen via Aktionen ergibt sich ein Österreich-ähnliches Bild. „Wir liegen hier zwischen 29 und 30 Prozent.“
Große Bedeutung für Frische. Der Kundenlauf wird der Frische angepasst. Gestartet wird mit O&G, Brot- und Backwaren sowie Käse in SB. Highlight: Fleisch in Bedienung. „Es sind die Umsatzkanonen des Marktes.“ Rund 45 Prozent des Umsatzes entfallen auf die Frische. O&G spielt alleine rund neun Prozent der Standort-Erlöse ein. Fleisch wiegt noch deutlich schwerer. „Jährlich werden mehr als 30 Millionen Kilogramm Fleisch verkauft.“ Die Ungarn suchen die Auswahl. „Wir können deutlich höhere Qualität anbieten als der Mitbewerb, weil wir mit einem eigenen Fleischwerk in Bicske operieren.“ Auch die Spannensituation ist durch die Eigenproduktion eine andere.

Brot- und Backwaren. Die Brot- und Backwaren SB-Regale in Holz­optik werden von hinten beschickt und sind bereits Standard. Genauso wie das Angebot von einer Vielzahl an losen Obst- und Gemüse-Varianten. „Der Ladenbau wurde zusammen mit der ASPIAG aufgestellt.“ Wertige Holzelemente, gedeckte Farben und niedrige Regale sind die Kern-Elemente. Im rationalen Bereich ist das eigens konzipierte Energy Drink-Möbel ein Hingucker. „In drei Märkten testen wir diese Einheit“, so Szalay.

Expansion. Mittlerweile sind 33 Interspar-Märkte am Netz. „Wir haben durchaus noch Expansions-Potenzial.“ Generell dort, wo es Städte mit über 40.000 Einwohnern gibt. Einziger Hemmschuh: Die rechtlichen Rahmenbedingungen. Aktuell werden notwendige Baubewilligungen nur in einem langatmigen, auch langjährigen Procedere erteilt. Die zweite Möglichkeit: Es werden bestehende Flächen vom Mitbewerb übernommen oder adaptiert.

Wirtschaftskammer-Daten zeigen, dass dieses Schlupfloch vor allem Lidl und Hofer in ihrer Hungaro-Expansion nutzen. Die Jagd um die besten Standorte wütete dabei bereits einige Jahre. Mit Erfolg: Denn Lidl schraubte die Anzahl, dank guter politischer Kontakte, bereits auf 165 Outlets hoch, Aldi liegt mittlerweile bei 119.

LEH-Situation in Ungarn. Immer wichtiger werden deshalb die Kaufleute bei den einzelnen LEH-Konzernen. Dabei kommt alleine CBA Kft. auf elf Großsupermärkte, 1.020 Supermärkte und 1.146 weitere Lebensmittelgeschäfte. Reál hat 570 „Reál Élelmiszer“ am Netz, dazu 1.615 kleinere Flächen. Und Coop Hungary Zrt. ist überhaupt die Nummer zwei am Markt mit 36 „Szuper“-Märkten sowie 4.603 Outlets der Vertriebsschienen „Mini“, „ABC“ und „Kisbolt“.

Spar Ungarn. Dementsprechend gibt es für Spar einen Expansionsturbo. Aufsichtsrat Erwin Schmuck sprach von der „Chance auf 1.000 Märkte.“ Aktuell zählt die Armada 505 Geschäfte. „2017 planen wir vier bis fünf Supermärkte zu eröffnen“, so Szalay. Noch stärker ist die Erweiterungskraft bei den Kaufleuten. „Ich hoffe, dass wir heuer noch 14 bis 15 Standorte ans Netz nehmen können. Im besten Fall landen wir am Ende des Jahres bei 150 Geschäften.“ Tendenz weiter steigend. Denn das Spar-Konzept schlägt ein.

Spar Franchise. „Wir erfahren tagtäglichen einen unglaublichen Response“, so EH-Expansionsleiter Dr. Zsolt Szálasy. Das Konzept ist ähnlich der österreichischen Variante. Die Kaufleute kaufen mehr als 90 Prozent bei der Spar ein, begleichen eine Franchise-Gebühr abhängig vom Umsatz, bekommen Know-how, Werbemittel und Flugblätter von der Tanne gestellt. Generell: Ungewohnt für den Hungaro-Kaufmann ist die organisierte Belieferung und die damit verbundene Einkaufskonzentration. „Die Kaufleute müssen erst lernen, dass wir nahezu alle gewünschten Sortimente bereitstellen können.“ Erfahrungen zeigen, dass die Selbstständigen ihre Paletten aktuell vor allem im regionalen Bereich aufstocken oder Spezial-Lieferanten hinzuziehen.
Strenge Aufsicht gibt es hinsichtlich steuerlicher Belange. „Alle Kassen sind an das Finanzministerium angeschlossen.“ Damit schloss die ungarische Regierung Schlupflöcher, brachte aber kleinere Geschäfte in Bedrängnis. Dennoch: Gut geführte Standorte bringen Geld. Kaufleute sind in Ungarn angesehener als in Österreich. „Das Image ist besser.“

Spar City-Modell. Dementsprechend entscheiden sich auch zahlreiche junge Menschen für die Eröffnung eines Geschäfts. Bestes Beispiel: Nikolett Székely. Die 28-Jährige verdiente ihre ersten Sporen in englischen Bio-Geschäften, ehe sich die Kauffrau in Budapest (Horvát utca) selbstständig machte. Ihr unorthodoxes Geschäft mit Anleihen aus dem österreichischen Spar-in-the-City-Konzept und wertigem Interieur passt in den finanzkräftigen zweiten Bezirk der un­garischen Landeshauptstadt. 900 Kunden pro Tag besuchen den 270 m2-Standort. „Wir planen im ers­ten Jahr einen Gesamt-Umsatz von über 600.000 Euro“, so Székely. Zum Start war ein Invest von 70 Millionen Forint notwendig. „Die Kaufleute haben Freiheiten, müssen aber das Ladenbau-Konzept von uns zertifizieren lassen.“ Haptik, Design und Angebot wurde mit der starken Kaufkraft abgestimmt. Der Anteil von O&G ist mit 12,55 Prozent hoch, Fleisch kommt auf 7,22 Prozent, sonstige Frische-Paletten auf 21,09 Prozent. „Wir kaufen 98 Prozent über die Spar ein.“ Der Aktionsanteil ist mit 20 Prozent noch vergleichbar gering. Top-Seller sind Bananen, gefolgt von Semmeln. „Wir sind zufrieden, wollen rasch einen weiteren Markt ans Netz nehmen.“

Spar Supermärkte. Geht es nach Szálasy, dann ist das ein Weg, der sich für zahlreiche Kaufleute abzeichnet. Denn auch für Richard Bruzsa ist Ausbau, Erweiterung und Expansion ein Thema. Die Kaufmannsfamilie wechselte von Coop zur Spar. „Wir haben gute Erfahrungen gemacht. Alleine im Eigenmarken-Bereich ist die Tanne in einer anderen Liga“, so die Bruzsas beim REGAL-Besuch. Über 95 Prozent werden über den Spar-Großhandel bezogen. Die Umsätze explodierten um 15,5 Prozent. Die Frequenz stieg von 1.100 auf 1.400 Kunden täglich. Für den neuen Markt und die Umstellung auf die Spar-Flagge wurden 100 Millionen Forint auf den Tisch gelegt. „Wir haben uns bei Spar-Kaufleuten in Vorarlberg und Standorten in der Schweiz umgesehen und einige Eindrücke mitgenommen.“ 1,1 Millionen Euro soll der 310 m2 große Markt jährlich einspielen. Die Tanne sei ein Partner mit hoher Liefersicherheit und guter Auswahl. „Punktuell würde ich mir noch eine größere Breite wünschen. Etwa im Milch-Bereich.“ Rund 40 Prozent entfallen auf die Frische. Alleine O&G bewegt sich bei einem Umsatzanteil von 10,14 Prozent.

Spar Tankstellenshops. Erfolgreich sind auch die Tankstellenshops. Ein Besuch beim Vorreiter, der OMV-Station von József Tóth in Budapest (Fehérvári), verdeutlicht die Zugkraft. „Wir machen jährlich rund eine Million Euro mit dem LEH-Geschäft.“ Dabei kommen an Feiertagen oft 1.200 Kunden am Tag in den 100 m2 Shop, wobei der Warenkorb bei acht Euro liegt.

Spar Entwicklung. Die Zugkraft und die Aufbruchsstimmung der gesamten Flotte sind in jeder Vertriebsschiene spürbar. „Wir sind mit dem Umsatz 2017 zufrieden. Die Zeichen stehen weiter auf Wachstum“, so Szalay im REGAL-Gespräch. 2016 kletterten die Umsätze bereits auf 1,660 Milliarden Euro. Wuchtige Expansionsschritte, die die Tanne aktuell noch mit zwei Logistikdrehscheiben in Bicske (33.600 m2) und Üllo˝ (44.100 m2) bewältigt. Der Neubau einer dritten Lagereinheit ist weiter in Diskussion.
Aufwand ist auch im Personalkostenanteil das Thema. „In Ungarn haben wir bei Interspar insgesamt 107 Stunden offen. In Österreich 72. Dementsprechend gibt es hier im Vergleich dazu höhere Beträge.“

Herbert Schneeweiß