Thomas Höfer (Adeg), Ernestine Reichart (Nah&Frisch), Mag. Verena Widl (REGAL), KR Wolfgang Benischko (Nah&Frisch), KR Johannes Jetschgo (Spar), Karin Aigner (Spar) und Josef Strutz-Winkler (Winkler Markt) v.l.n.r.

10 harte Forderungen, Ärger über Bürokratie!

Kaufleute fordern!

Regal: Aus welcher Richtung kommt derzeit der stärkste Gegenwind?
Thomas Höfer (Adeg): Der Aktionsanteil wird immer mehr. Eine große Herausforderung, die uns noch gar nicht so bewusst ist, auch im Bezug zum Online-Handel.

Die großen Player kommunizierten zuletzt steigende Aktionsanteile – mittlerweile über der 30-Prozent-Marke.
Johannes Jetschgo (Spar): Bei uns ist das noch mehr. Der Anteil ist immer noch steigend. Wir steuern im Warengruppen-Schnitt auf die 40-Prozent-Marke zu. Die Wochenend-Aktionen und punktuellen Aktionen, wie Warengruppenrabatte, werden immer mehr. Der Konsument nützt es aus, man kann ihm keinen Vorwurf machen. Das macht es schwieriger für uns, die Erträge zu erzielen, die wir brauchen. Es ist sinnlos, noch einen Warengruppenrabatt auf eine Aktion zu geben. Damit verliert der Handel gegenüber dem Konsumenten seine Glaubhaftigkeit.
Josef Strutz-Winkler (Winkler Markt): In Deutschland liegt der Anteil bei zehn Prozent, allerdings sind die Kurantpreise niedriger. Besonders bei Near Food fahren die Großen arge Dauertiefpreise. Da haben wir zum Teil bereits das deutsche Preisniveau, ohne dass die Industrie das hergibt. Geht es so weiter, dann müssen die ganzen Österreich-Niederlassungen wegrationalisiert werden.

Sind steigende Aktionsanteile vor allem für kleinere Flächen ein Problem?
Jetschgo: Es wird vor allem für kleine Flächen immer schwieriger, einen Mix zusammenzubringen, der unterm Strich noch passt. Das Spannenmanagement wird von allen Großhändlern gemacht, aber es wird immer schwieriger, es zu vollziehen.
Karin Aigner (Spar): Ich kämpfe derzeit mit einem 1.000 m² ­großen Lebensmittelmarkt, der nahe meinem Geschäft gebaut werden soll. Aktuell findet eine Aufteilung auf die unterschiedlichen Geschäfte statt. Standorte, die weniger gut gehen, werden von gut gehenden aufgefangen. Für die Großen ist das kein Problem. Bei uns Kaufleuten funktioniert es aber so nicht.
Wolfgang Benischko (Nah& Frisch): Durch die Vielzahl an Geschäften können sich Konsumenten ausschließlich mit Aktionskäufen von Geschäft zu Geschäft bewegen. Jene Artikel, die nur mehr in Aktion gekauft werden, steigen damit rapide an. Angefangen von Klopapier bis hin zu Kaffee. Aber: Der Konsument ist nicht schuld, der Handel ist es, wir sind es. Wir sollten wieder lernen zu rechnen.

Wem zeigen Sie die rote Karte? Wie kann eine Umkehr gelingen?
Ernestine Reichart (Nah&Frisch): Ich stelle keine Aktionsschütten mehr auf. Stattdessen habe ich ein schönes Genussland-Regal platziert. Das ist viel Arbeit, weil ich bei jeder Firma extra bestellen muss. Aber ich habe die entsprechende Spanne und bekomme andere Kundschaft ins Geschäft. So kann ich den Aktionsanteil auch relativ im Zaum halten und konnte meinen Umsatz steigern. Den Großhandel freut es natürlich nicht, weil er von dem steigenden Umsatz nichts hat. Wir müssen auch auf die kleinen Bauern in unserer Umgebung schauen und auf Qualität setzen.
Höfer: Das ist unsere einzige Chance. Ich denke, der Boom der Hofläden ist schon gebremst. Gottseidank können wir uns im Sortiment noch abheben. Wir haben über 60 regionale Lieferanten. Auch wenn die Kommunikation mit den Bauern oft schwierig ist.
Strutz-Winkler: Hier ist noch viel zu tun. Es gibt Berührungsängste, sowohl auf Seiten der Landwirtschaftskammer, aber auch auf der Seite des Handels. Es muss für beide Seiten eine Win-win-Situation entstehen. Das Bindeglied Genussland ist ein perfektes Tool zwischen Produzenten und Händlern. Ich mache mir außerdem über die mittlere österreichische Lebensmittelindustrie Sorgen, von denen viele Unternehmen zu meinen Lieferanten zählen. Durch die Eigenmarken-Politik kommen diese ins Schwitzen. In den Regalen kommen oft nur mehr die Marktführer zum Zug.

Aktionen eindämmen. Regionale Artikel forcieren. Herr KR Benischko, Sie meinten, der Konsument ist nicht Schuld am Preiskampf. Es ist der Handel, es sind Sie, es ist der Großhandel?
Benischko: Auch Großhandelspartner müssen umdenken. Ich habe das auch schon so kommuniziert: Hätte ich diese regionalen Produkte nicht, wäre es absehbar, dass ich irgendwann zusperren muss. Der Großhandel muss uns also Freiräume zugestehen und auch die Abnahmeverpflichtung nach unten verschieben. Wir Kleinen waren die ersten, die mit der regionalen Schiene gefahren sind. Dann sind die Handelsketten aufgesprungen. Dem Konsumenten gegenüber wird Regionalität leider verwässert, etwa über die Werbung. Ein kleiner Imker kann nicht ganz Österreich beliefern.
Höfer: Wir verpflichten Produzenten, dass sie einmal im Jahr bei uns im Geschäft stehen und die Produkte selbst verkosten lassen. Das Gesicht zum Produkt ist das beste Verkaufsmittel, das es gibt.
Aigner: Was die Freiheiten betrifft, bin ich schon froh, selbstständig zu sein und keine Filiale zu betreiben. Produkte, die zum Beispiel bei Spar-Filialen ausgelistet werden müssen, bekommen Konsumenten bei uns. Auch die Freiheit, direkt kaufen zu können, ist wichtig für unser Geschäft.

Stichwort Abnahmeverpflichtung. Von wie viel Prozent sprechen wir hier?
Benischko: Es sind in der Regel rund 70 Prozent.
Aigner: Ich weiß von 82 Prozent und komme auch aus damit. Der Konsument erwartet bei uns das gleiche Sortiment, wie in einer Spar-Filiale.
Reichart: Ich bin aktuell in den Verhandlungen, sie auf 55 Prozent zu setzen. Das muss der Weg sein, der Großhandel muss hier auf uns zukommen, damit wir überleben können.
Strutz-Winkler: Das mittelfristige Ziel wäre meiner Meinung nach 50/50, sodass es für beide eine Win-win-Situation ist und auch etwas bewirken kann.
Jetschgo: Ich denke, 50/50 brauchen wir bei der Spar nicht anstreben. Wenn ich die 80 Prozent einmal nicht ganz schaffe, bekomme ich eben weniger in der Rückvergütung. Aber das macht nicht so viel aus.

Herr Jetschgo, wo drückt Ihrer Meinung nach der Schuh?
Jetschgo: Gute Mitarbeiter zu bekommen ist schwierig.
Reichart: Mein Hauptproblem ist das Thema Personal. Junge Leute bekommen vom AMS zu viel Geld, um stattdessen arbeiten zu gehen. Das sagen sie uns auch direkt. Ich kann meinen Markt nicht vergrößern oder einen neuen Standort eröffnen, wenn mir das Personal dazu fehlt.
Strutz-Winkler: Das Thema Mitarbeiter wird eine irre Herausforderung. Wir haben im Raum Linz zehn Prozent Arbeitslose, aber wir bekommen keine vernünftigen Mitarbeiter. Es kommt eine Pensionswelle auf mich zu, eine Nachbesetzung in dieser Qualität wird schwierig.

Welche Lösungsvorschläge gibt es seitens der Kaufmannschaft?
Jetschgo: Flexiblere Arbeitszeiten. Auch, das man wegkommt von der Schwarz-Weiß-Regelung. Für uns sind zudem die Öffnungszeiten-Zuschläge ein Thema. Samstagnachmittag ist heute eine normale Arbeitszeit. Das hier nach wie vor Zuschläge von bis zu 70 Prozent gezahlt werden müssen, ist nicht einzusehen.
Aigner: Und es kann nicht sein, dass vom AMS so viel gezahlt wird, dass Jugendliche nicht mehr arbeiten gehen müssen bzw. wollen.
Reichart: Nach drei Monaten darf ein Monat lang nichts oder nur mehr 50 Prozent mehr bezahlt werden. Die Arbeitszeit muss viel flexibler werden, da bin ich bei Ihnen, Herr Jetschgo. Meine Angestellten wollen sieben Stunden durcharbeiten und dürfen nicht. Andererseits machen Ärzte 24-Stunden-Dienste, wo es um Leben und Tod geht.

REGAL forderte in der letzten Ausgabe einen Bürokratie-Stopp. Können Sie dem etwas abgewinnen, Herr Benischko?
Benischko: Die zahlreichen jährlichen Überprüfungen sind überzogen und gehören beseitigt. Das trägt zum Kaufleute-Sterben bei, weil es tausende Euros im Jahr abzieht. Eine Schiebetüren-Überprüfung zum Beispiel, oder eine Lichtanlagen-Überprüfung, hier bin ich für eine Verlängerung der Kontrollzeiten.
Reichart: Ein anderes Beispiel ist die Gebietskrankenkasse. Jegliche Information erfolgt nur mehr online oder direkt vor Ort.
Benischko: Ich habe bei mir eine Videoüberwachungsanlage installiert. Vorschriftsgemäß wollte ich diese bei der Datenschutz-Behörde anmelden. Auch das ist nur mehr online möglich. Die Beschreibung dafür hat 54 Seiten.
Strutz-Winkler: Oder das Thema Sicherheits-Vertrauenspersonen. Wir reden hier von einem Drei-Tageskurs. Der Kurs ist sinnvoll, aber das muss auch in zwei Tagen möglich sein. Oder Schulungen für Brandschutzbeauftragte, LKW-Fahrer oder Ersthelfer. Alles wichtige Dinge, aber die Relationen stimmen nicht. Die gesamten Regelungen, wie etwa Registrierkassenpflicht, spielen alle nur den Großen in die Hände und werfen den Kleinen noch mehr Steine in den Weg.

Wie kann man gegen­steuern?
Strutz-Winkler: Eine Lösung wäre die 80-20-Regel. Früher galt: 80 Prozent der Dinge lassen sich mit 20 Prozent der Kosten erledigen. Momentan habe ich das Gefühl, das versucht wird, 100 Prozent zu erreichen. Deshalb drücken die Kosten. Es muss nicht alles 100 Prozent perfekt sein, 80 Prozent sollten reichen.
Jetschgo: Und wenn man etwas falsch macht, läuft man Gefahr, hoch bestraft zu werden.

Herr Strutz-Winkler, Sie setzen ja fast ausschließlich auf regionale Player. Kommen Ihnen durch die Regionalitäts-Offensiven der Großen nicht die Lieferanten abhanden?
Strutz-Winkler: Man muss unterscheiden zwischen regional und lokal. Die großen Ketten brauchen das Regionale in großer Menge. Wir müssen zu den Bauern mit kleineren Chargen. Und ist ein Artikel in einer bestimmten Qualität nicht lieferbar, dann gibt es ihn eben erste wieder in zwei Tagen. Wir müssen uns die Kunden wieder erziehen. Stock-Out-Situationen müssen nicht schlecht sein. Wir erleben durch die Großen eine totale Uniformität. Unsere Kaufleute erkennen nicht, dass sie hier ihre Glaubwürdigkeit darin haben, wenn sie auch mal kleinere Mengen in die Regale aufnehmen.

Lohnt sich Kaufmann sein überhaupt noch?
Jetschgo: Wenn gewisse Rahmenbedingungen vorhanden sind, lohnt es sich auf jeden Fall. Und der Beruf muss Spaß machen, um Erfolg zu haben. Mir als Interessensvertreter liegen vor allem auch die Kleinen am Herzen. Gerade bei uns im Konzern gibt es die Tendenz zu mehr Verkaufsfläche. Klar ist es so, dass die Einkaufsbons rapide ansteigen. Sind es bei uns 16 Euro Durchschnittsbon, liegt bei einem Eurospar die Summe bei 25 Euro. Sie haben andere Sortimente, wo sie das verdienen, was sie bei den Aktionen herschenken müssen.

Vielen Dank an alle für das Gespräch.