Lampert: „Gentechnik ist gang und gäbe.“

Bio-Pionier Werner Lampert im großen REGAL-Interview über Plastik, Gentechnik, Bio und Nischen

Neue Hürden

  • Verpackungsthematik bedarf eines Neubeginns
  • Kritik an der Landwirtschaftspolitik der EU

REGAL: Herr Lampert, ist Österreich auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit?
Werner Lampert: Ernsthafte Nachhaltigkeit ist ein scheues Reh, größere Nachhaltigkeit bedarf größerer Anstrengungen und größerer Ernsthaftigkeit. Nachhaltigkeit kann man nicht mit der linken Hand und ein bisschen PR machen. Da muss man sich wirklich in die Notwendigkeiten hineinversetzen, um etwas zu bewegen. Und man muss kleine Schritte setzen. Wenn wir Nachhaltigkeit richtig machen, dann wird es ökonomische und gesellschaftspolitische Gewinner geben. Wir müssen uns verabschieden vom Büßerhemd und uns vor Augen führen, was die Vorteile der Nachhaltigkeit sind. Wohin bewegt sich eine nachhaltige Gesellschaft? Was sind die ökonomischen und die sozialpolitischen Vorteile einer Nachhaltigkeit? Da ist unglaublich viel Potenzial drinnen, aber dort hat noch nie jemand hingesehen. Wir könnten ein prosperierendes erfolgreiches Land werden.

Wie bewerten Sie den Vorstoß im Handel betreffend Mehrwegtaschen statt Plas­tiksackerl?
Alles, wo Plastik minimiert wird, ist prinzipiell gut. Wir hatten ein Symposium mit David de Rothschild, der über das Plastikproblem im Pazifik gesprochen hat. Der Pazifik scheint die Plastikhalde der Welt zu sein. Das Plastikproblem ist so groß, dass wir kaum mehr einen Meeresfisch essen können, bei dem wir nicht Plastikmikropartikel mitessen. Die ganze Verpackungsthematik bedarf eines kompletten Neubeginns. So geht es nicht mehr weiter. Im Plastik sehen wir, dass diese Gesellschaft insgesamt mit jedem Einkauf auf Kosten der zukünftigen Generationen lebt. Wir machen einfach die Augen zu.

Was ist in Sachen Verpackung von Lebensmitteln noch optimierbar. Bei welchen Warengruppen sehen Sie hier die größten Potenziale?
Am leichtesten scheint die Umstellung auf plastikfreie Verpackungen, die man kompostieren kann bei Gemüse und Obst zu sein. Aber alles andere, die ganzen Verbundverpackungen, sind ein Drama sondergleichen.

Im Ministerium wurde kürzlich 20 Jahre Ohne Gentechnik in Österreich gefeiert. Es gibt Handelsmanager, die sehr lautstark gegen CETA ankämpfen.
Österreich und auch die EU haben nach einigem Wanken eine sehr vernünftige Haltung zu Gentechnik eingenommen. Das Gentechnik natürlich in allen Futtermitteln in der tierischen Lebensmittelproduktion, außer bei der Milch, gang und gäbe ist, darüber schweigt man. Für die Produktion von Futtermitteln für Tiere wird Gentechnik jeden Tag genutzt, aber den Durchbruch zu den Lebensmitteln hat die Gentechnik nicht geschafft. Bei den ersten Versuchen, die es damals in England gab, kam es zu großen Widerständen. „Draculas Food“ nannten sie es. Deshalb kam es nicht auf die Beine. Diese Art der Gentechnik, gegen die wir damals gekämpft haben und deren Verhinderung wir jetzt gefeiert haben, scheint nicht mehr die ganz große Herausforderung zu sein. Wir gehen einer neuen Herausforderung entgegen: Crispr-Cas9. Wie wir das bestehen, diese Geschichte ist noch offen. Denn wenn Gentechnik auf uns zukommt, die wir nicht nachweisen können – wie sollen wir damit umgehen? Da kommt ein gewaltiges Problem auf uns zu und Gentechnik bekommt damit eine ganz andere Bedeutung.

Will der Konsument wirklich nachhaltige, gentechnikfreie Produkte – oder zählt letztlich doch der Preis?
Wenn wir die Menschen in Zukunft ernähren wollen, haben wir gar keine andere Wahl als nachhaltige Lebensmittel zu erzeugen. Die Landwirtschaftspolitik der EU fährt gerade die Landwirtschaft an die Wand. Das ist ein Selbstzerstörungstrip. Es gibt keine zukünftige oder künftige Ernährung für die österreichische Bevölkerung, wenn die Landwirtschaft nicht ganz schnell in die Nachhaltigkeit einschwenkt. In eine ernsthafte und gelebte Nachhaltigkeit.
Betrachten wir die Fördermittel. Der moralische Anspruch zu Fördermitteln aus der öffentlichen Hand muss sein, dass die Öffentlichkeit – also die österreichische Bevölkerung – einen Vorteil davon haben muss. Bindet man Fördermittel auf tatsächlich nachhaltige Leistungen, dann bewegt sich die Landwirtschaft in die Nachhaltigkeit, ohne dass ein Produkt teurer wird. Nur tatsächlich anhaltend nachhaltige Leistungen der Landwirtschaft dürfen gefördert werden. Alles andere zu fördern ist unmoralisch. Es ist doch unmoralisch, wenn wir mit unseren Fördermethoden unterstützen, dass in Südamerika die Versklavung zunimmt, dass die Regenwälder zerstört werden und dass wir eine absurde Fleischproduktion haben.

„Wäre Fairtrade nicht erfunden, müsste man es erfinden“, sagten Sie in einem REGAL-Interview vor einigen Jahren. Haben Fairtrade-Produkte in Österreich den Stellenwert, den Sie sich, Ihrer Meinung nach, verdient haben?
Ja, definitiv, wenn ich die Fairtrade-Bewegung ansehe, dann war das früher einmal eine alternative Bewegung von ein paar frommen und ein paar alternativen Menschen. Heute ist Fairtrade mitten in der Gesellschaft angekommen. Ich kenne kaum einen Menschen, der nicht Fairtrade-Produkte kauft. Also ich finde das eine ganz tolle Bewegung, ein toller Erfolg.

Der Platz für vegane und vegetarische Artikel in den Supermarkt-Regalen wächst. Dennoch ist es nach wie vor eine Nische. Aber auch in der Fleischbranche gibt es ein Umdenken (Stichwort Tierwohl) – genügt das oder muss noch mehr passieren?
Wenn ich zurückblicke auf die Bio-Bewegung der letzten 30 Jahre, dann erkenne ich, dass wir immer der Meinung waren, der biologische Landbau steht für Tierwohl, den Tieren würde es gut gehen in der biologischen Landwirtschaft. Aber heuer weiß ich, wir stehen erst am Beginn von Tierwohl, wir lernen gerade, dass Tierwohl noch ganz andere Inhalte hat und wir lernen ganz enorm dazu, wohin sich Tierwohl bewegen muss. Wir sind in diesem Bereich nach wie vor Analphabeten. Sogar wir, die wir aus der biologischen Landwirtschaft kommen. Die Tierwohl-Bewegung, die jetzt begonnen hat, in der es öffentlichen Druck gibt, die wird etwas bewegen. Das wird eine ganz große und starke Entwicklung in der EU werden.

Österreich wird oft als Vorzeigeland im Bereich Bio dargestellt. Durch die steigende Nachfrage sind die Richtlinien aber etwas verwässert worden, wird kritisiert. Ist Bio heute noch nachhaltig?
Also Bio ist auf dem Weg nachhaltig zu werden. Die biologische Bewegung setzt sich ganz ernsthaft mit der Nachhaltigkeit auseinander. Und sie ist auf einem sehr guten Weg.

Unter den verschiedenen Akteuren der Wertschöpfungskette sind zentral auch die Konsumenten gefordert. Ist hier bei den Verbrauchern ein zunehmendes Verständnis für ökologische Produkte erkennbar?
Als ich 1994 die erste größere Bio-Bewegung geschaffen habe, haben wahrscheinlich 0,2 Prozent der Österreicher biologische Lebensmittel gekauft. Ich habe jetzt eine Umfrage gehört, dass 67 Prozent der Österreicher in den letzten vier Wochen biologische Lebensmittel gekauft haben. Also man sieht, dass Österreich tatsächlich – nicht nur von der Landwirtschaft her, sondern auch von den Konsumenten her – das Bioland schlechthin ist, neben der Schweiz. Bio ist immer noch in Bewegung, Bio ist immer noch dynamisch und hat immer noch Zuwächse. Ich habe eine Statistik gesehen, dass 90 Prozent aller in Österreich produzierten Bio-Lebensmittel in Österreich verkauft werden. Das ist doch unglaublich. Bio gehört zur Identität der österreichischen Bevölkerung.

Vielen Dank für das Interview.