Ein Appell an die Politik: Nah&Frisch Kaufmann Gebhard Baumann in Kohfidisch ist von der Regierung und der Raumordnungspolitik enttäuscht und fordert Maßnahmen für die Nahversorger im ländlichen Raum

Nah&Frisch Baumann appelliert an Politik

  • Nahversorgung muss geschützt werden
  • Mehr Umsatz durch Zusatzware
  • Aktionen bringen Frequenz, aber keinen Gewinn

Kaufmann Gebhard Baumann führt in vierter Generation den Familienbetrieb in Kohfidisch im Burgenland. „Meine Frau, mein Vater und auch meine Mutter arbeiten alle hier im Markt,“ erklärt Baumann, der seit 2000 selbstständiger Kaufmann des Nah&Frisch- Marktes im Ortskern ist. Auf 300 m2 hat er mehr Ware als man sich vorstellen kann. Neben Lebensmitteln gehören unter anderem Feuerwehrausrüstungen, Pools, Schnittblumen und Geschenksartikel zu seinem Sortiment. Das Geschäft läuft, dennoch ist Baumann enttäuscht über die Politik: „Die Raumplanungsverordnung ist für uns Nahversorger der Untergang.“

Nahversorgung im Burgenland. „Die Politik hat mir damals 300 m2 vorgeschrieben. Auf der grünen Wiese durfte aber der Mitbewerb 700 m2 Verkaufsfläche bauen.“ In vielen Orten konnten kleinere Geschäfte mit den großen Supermarktketten nicht mehr mithalten und mussten zusperren. Baumann spricht von einer Zwei-Klassen-Gesellschaft: „Die Kurzsichtigkeit der Politik und der Gemeinden zerstören den Erhalt der kleinen und mittleren Nahversorger im Ortskern.“ Obwohl es Förderungen für genau jene Betriebe gibt, ist er unzufrieden: „Die Förderungen sind viel zu bürokratisch und das Geld erhält man erst Jahre später. Eine Lösung wäre die Raumordnung genauer handzuhaben.“

Von der Politik wünscht sich Baumann, der vom Großwarenhändler Kastner beliefert wird, weniger Kontrollen, weniger Bürokratie und die Senkung der Lohnnebenkosten. Eine Steuererleichterung, wie von der aktuellen Regierung versprochen, bemerkt der Kaufmann nicht. Ein Wunsch an die Politik ist auch den Handel und den Beruf der Kaufleute für junge Menschen attraktiver zu gestalten. Der Nah&Frisch-Kaufmann beschäftigt neben der Familie noch sechs Mitarbeiter. „Zurzeit bin ich auf der Suche nach einer Teil- und einer Vollzeitmitarbeiterin.“ Doch das erweist sich als schwierig. Trotz der Nähe zur Grenze nach Ungarn findet der passionierte Feuerwehrmann keine qualifizierten Mitarbeiter. „Der Beruf muss anerkannter werden, dann würden sich auch junge Leute mehr für eine Lehre im Handel interessieren.“

Ungarn. Die Grenze liegt nur sechs Kilometer von Kohfidisch entfernt. Doch der Grenzübergang wurde während des Flüchtlingsstroms geschlossen. Dennoch kommen ungarische Kunden für Jause oder Zigaretten beim Nah&Frisch-Markt vorbei. Generell hat der Kaufmann viel Laufkundschaft, aber auch einen Anteil an Stammkunden. Jene nutzen nicht nur den Lebensmittelmarkt, sondern auch gern das Gastro-Eck. „Ich habe die Gasthauskonzession. Vormittags ist der Gastrobereich voll.“ Für Kaffee und Semmeln besuchen die Kohfidischer den Nah&Frisch-Markt – ein Treffpunkt der Gemeindebewohner.

Baumann setzt auf zusätzliche Umsatzbringer. Neben der Gastronomie ist ein weiteres Standbein der Verkauf von Feuerwehrzubehör. Er selbst ist auch Feuerwehrmann und hat sein Hobby zum Beruf gemacht. 150 m2 Lagerfläche hat Baumann. Untergebracht sind dort, neben Feuerwehrartikeln, auch Pools und Poolzubehör. Im Markt selbst verkauft Baumann zusätzlich Schnitt- und Topfblumen, Geschenksartikel, Wolle und Knöpfe, Schulzubehör, Bücher, Spielwaren und Textilien. „Mit Lebensmitteln allein ist man vergleichbar. In meinem Markt findet man mehr.“

Pizza. Neben den vielen Zusatzangeboten hat der Kaufmann noch eine Nische gefunden: Pizza. „Ich werde von Haubis mit Teig beliefert. Daraus machen wir im Markt Pizza und die Kunden können sie abholen. Das funktioniert sehr gut.“ Neben dem Pizzaservice sind auch Plattenbestellungen und Partybrezen Umsatzbringer. Auch den Convenience-Trend merkt der burgenländische Kaufmann: „Der Trend wird stärker. Ich verkaufe zehn verschiedene Leberkäsesorten, selbstgemachten Kümmelbraten und Grammelschmalz. Wir machen auch frische Smoothies im Markt.“

Modernisierungen. Investiert wurde, auf Grund des aufkommenden Convenience-Trends, in einen Leberkäsewärmer. 2018 wurde auch der Eingangsbereich erneuert, die Werbe-Ampeln modernisiert und in eine neue Heizanlage investiert. „Zwischen 23.000 und 25.000 Euro habe ich dieses Jahr in den Markt gesteckt. Für 2019 ist nichts Größeres geplant, aber wenn etwas ansteht, muss es gemacht werden.“

Und machen tut Baumann viel: Neben dem Verkauf im Markt ist er auch für die gesunde Schuljause zuständig. Der Tag für den Kaufmann startet um 4:30 Uhr im Markt. Er bäckt Semmeln und Brot für die Arbeiter, die ab 6:30 Uhr in den Laden kommen. Um 9:30 muss er in der Schule sein und verkauft dort weiter. Am Nachmittag steht meistens der Verkauf von Feuerwehrartikeln an. „Ich versuche, dass die Kunden Termine vereinbaren. Ansonst kann es vorkommen, dass sie 1,5 Stunden warten müssen.“ An Samstagen bietet Baumann neben dem Hendelgrill Getränke an – auch ein Treffpunkt der Gemeinde. Und sonntags bereitet er Gebäck für die naheliegenden Vereine vor. „Ich habe sicher eine 80-Stunden-Woche,“ lacht der Kaufmann.

Öffnungszeiten. Und dennoch ist Baumann gegen eine Ausweitung der Öffnungszeiten. „Die längeren Geschäftszeiten kommen nur den Großen zugute.“ Er hat 54 Stunden offen und sieht keinen Mehrumsatz in einer Verlängerung – „es handelt sich dann nur um eine Verschiebung.“ Am 8. Dezember hatte der Nah&Frisch-Markt in Kohfidisch geschlossen. „Hier spare ich lieber die Personalkosten, denn Gewinn bringt mir dieser Tag nicht.“ Auch die Aktionen bringen dem Kaufmann keine Spanne. „Die Aktionitis ist in Österreich nicht notwendig, auch wenn sie Frequenz bringt.“

Bio und Regionalität. Die Kunden kommen auch ohne zusätzliche Flugblätter. Baumann setzt im Nah&Frisch-Geschäft, genauso wie im Schulbuffet, auf regionale Artikel. „Bio geht am Land weniger. Aber Regionalität ist den Kunden wichtig.“ Neben burgenländischem Wein, sind auch Honig, Liköre und Marmeladen aus dem Ort in den Regalen zu finden. Zwischen lokalen Schmankerln gibt es Marken und Eigenmarken. „Ich bin ein Markenfreund!“ Die Eigenmarken hat Baumann um mit anderen Geschäften mithalten zu können. „Die Marke stärkt uns und die Marke entwickelt Produkte. Das ist für den Handel extrem wichtig.“

Umsatz. Für welche Ware der Kunde ins Geschäft kommt, kann Baumann nicht sagen. Umsatzmäßig war 2018 ein hartes Jahr: „Durch die vielen Aktionen und das heiße Wetter blieb der Umsatz im Lebensmittelbereich aus.“ Für 2019 wünscht sich der langjährige Kaufmann den Umsatz zu steigern und Spanne zu erwirtschaften.

Anna Lena Wagner