Die neue Agrarministerin ­Elisabeth Köstinger

Vertragstreue, regionale Wertschöpfung, Eigenmarken – spannende Themen am ökosozialen Forum

Köstinger fordert: Vorrang für Qualität

  • Mehr Transparenz für Billig-Eigenmarken
  • Herkunftsbezeichnungen für Gemeinschafts–verpflegung, Vorstoß bei Merkur?
  • Verträge: Anonyme Beschwerdemöglichkeit für Landwirte

Die Herausforderungen für Österreichs Bauern sind mannigfaltig: Nachfolgeproblematik, Imageproblem, unterschiedliche Vorschriften (Stichwort Bauordnung) in den Bundesländern, undurchsichtige Förderstrukturen, Produktion für den Heimmarkt versus Exportmärkte, Abnahmegarantien.
Am 65. Ökosozialen Forum wurden vor allem jene an die Kandare genommen, die nicht bzw. nur in geringem Ausmaß anwesend waren. Angefangen von der Gastronomie, dem Konsumenten, den Medien, bis hin zum zweiten großen Lebensmitteleinzelhändler Österreichs. Der LEH-Marktführer selbst war vor Ort. Nicht zuletzt, weil er auch als Sponsor der Veranstaltung auftritt.

Eigenmarken. Emotional zeigte sich Rewe Bereichsvorstand Öster­reich Marcel Haraszti beim Thema Eigenmarken. Die Stimme aus dem Publikum, ob abschaffen eine mögliche Option sei, entkräftete Haraszti umgehend. „Wir arbeiten alleine für unsere Eigenmarke Ja! Natürlich mit 7.000 Bio-Bauern zusammen und haben rund 3.000 Arbeitsplätze geschaffen.“

Bundesministerin ­Elisabeth Köstinger findet klare Worte. Im Rückenwind einer anziehenden Konjunktur und guten Prognosen will sie weiter mit Zugkraft voranschreiten und fragt: „Wer sind die Partner der Zukunft?“ Hier kommt der Handel schnell ins Spiel. „Es gibt insbesondere bei den Herkunftsangaben von Handelsmarken Nachholbedarf. Gerade Produkte zu Dumpingpreisen und mit hoher Auflage sind oft nicht transparent.“ Das Machtverhältnis sei einseitig, die Marktkonzentration im Handel eine Herausforderung. David gegen Goliath.

Verträge. „Ein großes Problem für unsere Landwirte sind einseitige und rückwirkende Vertragsänderungen, vor allem bei den Frische-Warengruppen. Das muss ein Ende haben“, fordert Köstinger. Genauso, wie sie Listungs- und Werbegebühren an den Pranger stellt. „Wir hören immer wieder, dass Bauern gezwungen werden, Gebühren für Werbemaßnahmen zu zahlen. Und auch Gebühren für Platzierungen sind kein unbekanntes Thema“, so die Bundesministerin für Nachhaltigkeit und Tourismus. Künftig soll es für genau solche Fälle eine anonyme Beschwerdestelle geben. Und auch auf europäischer Ebene wird diese Materie in den Fokus gerückt.

Partnerschaften. Haraszti ist überzeugt: „Wir brauchen die Landwirtschaft und wollen eine strategische, faire Partnerschaft mit den Bauern. Kurzfristige Gewinnmaximierung liegt uns fern.“ Dazu gehöre es auch, die Planungssicherheit zu erhöhen und verstärkt langfristig zu planen. Als größtes Risiko sieht der Rewe-Chef vor allem „emotionell geführte Diskussionen“ und „populistische Stimmungsmacherei“, welche Kunden verunsichere.

Regionale Wertschöpfung. Wichtiges Thema ist für die Ministerin, noch viel stärker in Richtung regionale Wertschöpfung und Nachvollziehbarkeit zu gehen. „Wir brauchen noch mehr Wertschöpfung und Wertschätzung für unsere Lebensmittel und müssen das Bewusstsein der Konsumenten schärfen.“ Haraszti betont: „Wir wollen österreichische, keine deutschen Produkte verkaufen. Und man muss Überzeugungsarbeit leisten, auch bei den Jungen. Es muss zum Beispiel verstanden werden, dass ein Schweinskotelett mehr kosten muss als ein Riegel Mars.“

Export. Regionale Produkte sind auch über die Landesgrenzen gefragt. Österreichs Agrar-Außenhandel ist weiter im Aufwind, das zeigen auch die jüngsten AMA-Zahlen. Die Ausfuhren stiegen um knapp sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr. 2017 wurden laut ersten Hochrechnungen Lebensmittel und Agrarwaren im Wert von 11,11 Milliarden Euro exportiert. Die wichtigsten Produktgruppen im Agrarexport sind alkoholfreie Getränke (18 %), Fleisch und Fleischzubereitungen (14 %) sowie Milch und Milchprodukte (11 %). Frisches und zubereitetes Obst und Gemüse sowie Backwaren nehmen jeweils rund neun Prozent im Produkt-Ranking ein. „Der Trend zu top-qualitativen Produkten steigt weiter. Besonders Bio verbuchte zuletzt ein großes Plus“, sagt Köstinger. „Export ist ein wichtiger Faktor für uns. Landwirte bekommen oft einen höheren Produktionspreis von ausländischen Nachfragenden.“ Bio Austria Obfrau Gertraud Grabmann fügt an: „Derzeit übersteigt die Nachfrage nach biologischen Lebensmitteln die vorhandenen Kapazitäten. Wir sollten nicht vergessen, uns auch ausreichend um den Heimmarkt zu kümmern.“

Gemeinschaftsverpflegung. Sowohl Köstinger als auch Pernkopf sprechen von einem Paradigmenwechsel. Nicht mehr das Billigst-, sondern das Bestbieterprinzip soll künftig den Ton angeben. „Dazu gehört, die Gentechnikfreiheit weiter auszubauen, ebenso wie faire Preise und verpflichtende Herkunftsbezeichnungen.“ Letzter Coup in diesem Zusammenhang ist die Kennzeichnung bei Gemeinschaftsverpflegung, welche zuletzt in 100 Küchen Niederschlag fand.

Merkur-Restaurants. Der Bogen vom Lebensmitteleinzelhandel, über die Großküchen zur Gastronomie wurde schnell gespannt. Lindner: „Ohne den Lebensmitteleinzelhandel aus der Pflicht nehmen zu wollen, aber auch in der Gastronomie gibt es großen Aufholbedarf. Eine freiwillige Kennzeichnung reicht nicht aus. Ich würde mir ein größeres Bekenntnis zur Regionalität wünschen.“ Hier könnte bei der Rewe schon bald ein Paukenschlag bevorstehen. Denn Haraszti will prüfen, ob künftig eine Kennzeichnung der Produktherkunft in allen Merkur-Restaurants umsetzbar sei, und fügt an: „Auch als Großhändler mit AGM unterstützen wir den Vorstoß der Herkunftsbezeichnung.“

Milch. Landwirtschaftskammer Präsident Hermann Schultes betont: „Der Weg führt immer zum kaufkräftigen Kunden.“ Heftige Kritik übt Schultes an ausländischer Butter, umwickelt in Goldpapier, in den Handelsregalen. „Da ist die viel posaunte Regionalität dann auf einmal egal. Wir haben genug Milch in Österreich.“ Das sieht auch Stefan Lindner so. „Wir sind ein Milchland, weil es die Topografie so hergibt. Wir müssen weiter, gemeinsam mit dem Handel, Standards sichern“, sagt der Obmann der Tirol Milch. Aufholpotenzial sieht er in der Kommunikation von Molkereien und Bauern, etwa was die Mengenplanung betrifft.

Rewe: Vorstoß bei Fleisch. Haraszti hebt hervor: „Wir beziehen ausschließlich österreichische Milch. Seit dieser Woche führen wir ausschließlich Schweinefleisch mit AMA-Gütesiegel. Im März wird das auch auf Rind ausgerollt.“

Tiefkühl. Neben der Peitsche wurde aber auch das Butterbrot ausgepackt: „Hensel hat die Rewe Österreich-nahe geführt. Und ich habe den Eindruck, Marcel Haraszti wird das auch so fortsetzen“, sagt Schultes. Und er unterstrich ebenfalls die Vielzahl an verschiedenen Vertriebskanälen – von der Gemeinschaftsverpflegung bis hin zur Tiefkühl-Produktion.

Frage der Verteilung. Das Fazit der Veranstaltung: Strukturen sollen weiter erhalten und ermöglicht werden. Woher soll das Geld kommen? „Ich kenne die Strukturen gut. Natürlich geht es um die Frage, wie das Geld verteilt wird. Aber ich bin der Meinung: Es gibt im EU-Raum durchaus Effizienzpotenziale in der Aufteilung der Förderungen. Es gibt nach wie vor Strukturen, wie wir so nicht unterstützen müssten in Europa, Stichwort Käfigeier“, so ­Köstinger.

Verena Widl