Premieren-Standort in Budweis (Tschechien)

Exklusiv-Interview mit dm-Chef Gerhard Fischer in Budweis (Tschechien)

Prag: dm-Offensive

  • Umsätze legen um 8,6 Prozent auf 8,5 Milliarden CZK zu
  • 226 Geschäfte am Netz, Plan: drei bis fünf neue Standorte pro Jahr
  • Neue Expansions-Chance in „Autoindustrie-Städten“

Standorte bei Busbahnhöfen. Fußgängerzonen. Wohnsiedlungen. Geschäftslokale mit 250 m2 Verkaufsfläche. Das Konzept: Aktionsgetrieben: „Wir starteten mit zehn bis 15 preisaggressiven Artikeln und insgesamt ein Sortiment von rund 3.000 Artikel“, erklärt dm-Chef Tschechien Gerhard Fischer im REGAL-Gespräch. Rasch fasste die Austro-DFH-Größe Fuß. Eroberte Stadt für Stadt. Brno, Plzeň, Ostrava, Praha.

Aktuell 226 Geschäfte. 25 Jahre ist mittlerweile der Beginn des Roll-outs mit seinem Ausgangspunkt im tschechischen Budweis her. Ein Vierteljahrhundert später entwickelte sich aus dem Premieren-Auftritt in České Budějovice eine Gesamt-Flotte von mittlerweile 226 Geschäften. Die tschechische Armada ist längst auf der Überholspur. Dirigiert von einem Österreicher. Dem Niederösterreicher Gerhard Fischer fährt die Flotte Rekordergebnis um Rekordergebnis ein. Der letzte Höhepunkt: 2016/2017 erwirtschaftete dm in Tschechien bereits 8,5 Milliarden CZK. Ein sattes Plus von 8,6 Prozent. „Unsere Standortpolitik hat sich längst gewandelt“, so der Geschäftsführer.

Standorte bei EKZs und FMZs. Längst hält dm vor allem bei Fachmarktzentren und Shopping Centern die Fahne hoch. „Die Flächen bei Wohnsiedlungen sind nur mehr rar gesät. Und auch die Bedeutung von Busbahnhöfen hat enorm nachgelassen. Insgesamt kommen wir hier vielleicht auf Restbestände von zehn Filialen.“ Aber: Die Highspeed-Standorte gibt es noch. Vor allem in Großstädten wie eben in Plzeň, Brno, České Budějovice oder Praha.“ Der Regelfall schaut aber anders aus: Märkte mit 400 bis 500 m2 Verkaufsfläche. Im Fokus: Standorte im Verbund mit LEH. Eine Strategie, die sich auch in Österreich oder bei der Italo-Expansion etabliert hat.

Neueröffnungen. Dabei interessiert sich dm nach wie für um Städte um rund 10.000 Einwohnern. „Es geht uns mittlerweile um eine qualitative und nicht um eine quantitative Expansion.“ Drei neue Filialen will Fischer heuer dennoch eröffnen. Ein größeres Augenmerk liegt jedoch auf Umbauten: „Wir greifen jährlich ca. 40 Projekte an.“ 2017/2018 nimmt dm dafür acht Millionen Euro in die Hand.

Auto-Industrie eröffnet Chancen. Ein Programm, das auch mittelfristig die Jahres-Agenda zieren wird: „Wir wollen weiter zwischen drei und fünf Märkte per anno eröffnen.“ Potenzial gibt es noch. „Es gibt Zonen, bei denen die Kaufkraft zulegt. Es gibt Städte, die sich besonders gut entwickeln.“ Neue Target-Zonen sind Kolín, Mladá Boleslav, Kopřivnice oder Nošovice. „Das sind Orte und Regionen, die durch die boomende Autoindustrie einen massiven Aufschwung erleben.“ Dazu kommen die klassischen Expansionsfelder in Ostrava, Brno und Prag. „Alleine in der Hauptstadt und der mittelböhmischen Umgebung leben rund 2,5 Millionen Menschen. Ein Viertel aller Tschechen.“

Online. Für die unerschlossenen Kleinstädte hat dm ein neues Tool parat. „Wir haben heuer einen Online-Shop installiert, um diese Regionen abzudecken.“ Der tschechische Konsument gilt als äußerst online-affin: „Der gesamte Bereich schreibt jährlich Steigerungsarten von rund 20 Prozent.“ Zuletzt prognostizierte der E-Commerce-Verband für 2017 neuerlich ein Umsatzplus von 15 Prozent auf 115 Milliarden Euro. Eine Verdopplung innerhalb von vier Jahren. Vorreiter ist die Elektronik-Branche, die bereits jetzt 50 Milliarden Kronen pro Jahr online lukriert. Im Kosmetik-Segment sind es aber ebenfalls bereits 4,9 Milliarden Kronen per anno. Jetzt steigt Fischer mit dm online in den Ring. Der Start sei geglückt, fundierte Daten-Mengen gäbe es noch nicht: „Wir arbeiten aktuell rund 200 Bestellungen pro Tag ab, wobei es uns derzeit darum geht, Erfahrungen zu sammeln und das Online-Werkzeug zu verbessern und zu etablieren“, hält Fischer fest. Und bis jetzt geht auch die Strategie auf: „Die online-Kunden kommen on top drauf, befinden sich also vorwiegend in Regionen, wo wir keinen stationären Laden haben.“

Logistik. Die dm-Zentrallogistik wird aus Jihlava (Červený Kříž) abgewickelt. Ein Verteilzentrum mit rund 20.000 m2 Lagerfläche, das 2006 seinen Betrieb aufnahm. Zwölf Jahre später gehen die Reserven zu Ende. „Gott sei Dank stoßen wir an unsere Kapazitätsgrenzen. Das bedingt unser großes Wachstum in den letzten Jahren.“ Dabei haben sich die auszuliefernden Warenströme seit dem dm-Start wesentlich verändert, bestätigt Fischer. „Eine Investition ist in diesem Bereich notwendig.“

Sortiment. Das Sortiment ist in den letzten Jahren gewaltig angewachsen. „Wir bieten mittlerweile über 13.000 Artikel an“, so der Geschäftsführer. Mit Dauertiefpreis-Strategie. „Der tschechische Kunde ist nach wie vor aktionsaffin.“ Die Aktions-Anteile sind massiv. Mehr als 50 Prozent sollen im DFH-Bereich nicht mehr mit Kurantpreisen abgewickelt werden. Aber: „Wir haben in Tschechien einen enormen Verdrängungswettbewerb, ein aktionsgetriebener Markt, wobei hier auch Diskont und Hypermärkte erfolgreich performen.“

Dienstleistungen. Ein großer Unterschied zwischen dm in Österreich und dm in Tschechien verortet Fischer im Dienstleistungsbereich: „Wir bieten hierzulande keine Dienstleitungen wie Kosmetik- und Friseurstudio an, sondern sind lediglich im Bereich der Fotoausarbeitung aktiv.“ Darüber hinaus gibt es Variationen im Sortiment. Und hier vor allem im OTC-Bereich. Dieses Segment ist in Tschechien wesentlich breiter. „Wir können mittlerweile rezeptfreie Medikamente anbieten.“ Auch die Aufschaltung von Naturkosmetik habe sich ausgezahlt, der Kosmetik-Bereich hat ebenflass eine große Bedeutung.

Trends. Trendthemen sind laut Fischer Artikel, die auf unterschiedliche Nahrungsunverträglichkeiten abgestimmt sind. Und: „Vegan kommt. Gesundheit ist wichtig. Auch Bio hat eine große Rolle eingenommen, obwohl der Kunde biologische Artikel mehr und mehr als selbstverständlich annimmt.“ Hier setzt dm auch mit seinen Eigenmarken an. Die Anteile der dm-Phalanx klettert sukzessive über 30 Prozent. „dm verfügt über eine hohe Bekanntheit und Vertrauen.“

Herkunft und Personal. Die Herkunft der Produkte wird zunehmend wichtiger: „In Tschechien zählt aber vordergründig der Value-for-money-Gedanke.“ Der dekorative Kosmetik-Bereich hat Bedeutung. „Tägliches Tagesgeschäft ist der Kampf um Mitarbeiter. „Die Wirtschaft in Tschechien boomt. 2017 gab es ein Plus von fast fünf Prozent. Die Arbeitslosigkeit liegt bei etwa drei Prozent. Wir sind nahe der Vollbeschäftigung. Das Personalmanagement ist ein wichtiger Erfolgsfaktor geworden.“ Hier versucht dm mit der Etablierung des Berufsstandes Drogist zu punkten. „Wir haben zehn Mitarbeiter ausgewählt, die in Österreich diese Ausbildung, die es in Tschechien nicht gibt, genossen haben und nun unsere Mitarbeiter hier weiter schulen. Dieses spezifische Mehr-Wissen soll auch in den Filialen und in der Kundenansprache spürbar werden.“

Herbert Schneeweiß, Aneta Zeunerova