Dr. Nordal Cavadini über den Supermarkt der Zukunft

Die Zukunft des Super-Marktes?

  • Traditionelle Händler überlassen anderen das Feld
  • On- und Offline als Nonplusultra

„Wahrscheinlich wird meine heute neunjährige Tochter im Jahr 2030 gar nicht mehr einkaufen gehen“, sagt Handelsexperte Dr. Nordal Cavadini. Das Szenario: Die Ware wird nach Hause geschickt. Vorräte werden erfasst, genauso wie finanzielle Mittel und Essgewohnheiten – so entsteht die „Einkaufsliste“. „Diese Zukunft ist nicht so weit weg vom Istzustand. Bei Non Food ist die Penetration des Online-Anteils bereits stark und sie wird noch weiter steigen. Der Grund dafür ist die Bereitschaft, online Einkäufe zu tätigen.“

Barrieren. Bremsend wirken auf der anderen Seite Barrieren. Wer diese abbaut, kurbelt die Online-Umsätze an. „Bei Bekleidung erklären sich in den Vereinigten Staaten bereits zwei Drittel bereit, online einzukaufen. Die Hälfte tut es bereits.“ Eine Barriere im Kosmetik-Bereich ist der Wunsch, das Produkt und seine Wirkung vorher testen zu wollen. „Schlaue Unternehmen haben herausgefunden, dass es die Kaufentscheidung erleichtert, wenn man das online vermitteln kann“, so der Partner des international tätigen Managementberaters Oliver Wyman. Ein Positiv-Beispiel ist ein Online-Make-up-Test von L’Oréal. Eine weitere Hürde für Konsumenten ist die riesige Auswahl. Im Mode-Bereich helfen Assistenten das bestehende Repertoire passend zu ergänzen. Eine Option, die auch für Lebensmittel denkbar wäre?

Food. Interessantes Detail: Im Vergleich Food und Non Food ist die Bereitschaft in den USA in etwa gleich, nur sind die Umsetzer viel weniger. Acht Prozent gaben bei der Konsumenten-Umfrage von Oliver Wyman an, bereits von Zeit zu Zeit online einzukaufen.

Praktikabel, Kosten, Zustellung. Der Grund? „Im Food-Bereich sind die Barrieren höher. Aber: Sie werden nach und nach abgebaut.“ Apps, die jene Zutaten schicken, die für ein Rezept gebraucht werden, gehören dazu. Die wohl größte Bürde im Online-Hürdenlauf ist die Anlieferung. „Inzwischen ist eine Abholung des Pakets im gekühlten Schließfach möglich.“ Übrig bleibt die Kostenfrage. „Aber auch hier arbeiten Händler immer mehr daran, die Kosten zu senken.“ Passive Kühltechniken, steigende Lieferungsdichten und dynamisches Routing tragen ihren Anteil dazu bei.

Größere Durchdringung. Geht der Barrieren-Abbau so hurtig weiter, prognostiziert Cavadini zumindest die Möglichkeit einer Online-Penetration ähnlich des Non Food Sektors. „Damit tun sich die heutigen Einzelhändler allerdings schwer.“

Patente. Beim Blick auf die Retail-relevanten angemeldeten Patente weltweit stellen die traditionellen Händler die deutliche Minderheit dar. Amazon, Ebay und Alibaba haben die Nase vorne. Trotzdem gibt ein weiteres Umfrage-Ergebnis Hoffnung für das stationäre Geschäft. 66 Prozent der Teilnehmer in den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland die Gefallen am Lebensmitteinkauf finden, nützen sowohl Online- als auch Offline-Kanäle. „Aus Kundensicht sind also beide Möglichkeiten relevant.“

Mischformen. Eine mögliche Form des Supermarktes sind also Mischformen. Dazu gehört etwa ein physischer Store von Onlinehändler Alibaba. „Eine Zukunft, die in China bereits existiert“, sagt Cavadini.

Neue Partnerschaften. Unterm Strich zieht diese Entwicklung also Partnerschaften und Akquisitionen zwischen „On- und Offlinern“ nach sich. Die Palette reicht von Carrefour, der sämtliche seiner Sortimente über Google-Kanäle zur Verfügung stellt, bis hin zu Rossmann und amazon oder den Zusammenschluss von Walmart und Jet.com.

Wertschöpfungskette. Außerdem verändert sich die klassische Wertschöpfungskette. „Sie wird flexibler und modularer. Hersteller können etwa direkt auf Kunden zugehen.“ Stichwort Direct to Consumer. Und neue Vertriebsformen, wie etwa Herstellerplattformen und Preismodelle, sprießen aus dem Boden. Das birgt eine Chance, auch für kleinere Betriebe.

Neue Strategien für Händler gefragt. Macht das alles den Händler künftig überflüssig? „Nein, aber er wird andere Rollen spielen, andere Erfolgsmodelle annehmen, um weiter erfolgreich zu bestehen.“ In einer Befragung von Managern haben sich folgende Modelle herauskristallisiert: Produktführer (Fokus auf Handelsmarken), magnetische Plattform, Auswahl-Intermediär, Kun­denerfahrungsspezialist und Fulfillment-Intermediär.

Standort und Originalität am POS. „Die neuen Fronten, die sich auftun, kumulieren mit vielen anderen Schwierigkeiten der Branche. Overstoring, Aktionitis, Preisdruck, Diskonter sind nur vier davon.“ Die Differenzierung für traditionelle Händler kann, mehr denn je, über die Standort-Wahl, Besonderheiten auf der Fläche und Customer Relationship Management erfolgen. „Die Reise ist steil, muss aber unternommen werden“, resümiert Cavadini.

Verena Widl