v.l.n.r.: Prof. Dr. Stepahn Rüschen, Mag. Birgit Rechberger-Krammer, Univ.-Prof. Dr. Peter Schnedlitz, Mag. Iris Thalbauer, Gen.Dir. Dr. Gerhard Drexel

Die große Diskussion auf dem Branchentreff brachte interessante Aspekte rund um Handel und Industrie

Online-Umsätze, CETA & Visionen

Schnedlitz: Neuer Umsatzpush. Weitere Expansion. Die Spar gehört mittlerweile zu den 100 größten Handels-Unternehmen in der Welt. Und das, obwohl Österreich nur einen Binnenhandelsanteil von weniger als einem Prozent hält. Wie schätzen Sie diesen Aufstieg ein, Herr Präsident Drexel?

Drexel: Das weltweite Umsatz-Ranking ist uns nicht so wichtig. Vielmehr geht es uns um unsere Performance in Österreich und den vier angrenzenden Ländern – also um die Performance auf unseren relevanten Märkten. Hier müssen wir überzeugen. Es geht uns um die Entwicklung unserer eigenen Marken und Märkte. Es geht um die Entwicklung der Marke Spar und um die Fortsetzung unserer Positiv-Spirale.

Eine Spirale, die zuletzt deutlich nach oben stieg.
Drexel: Ja, schauen wir uns die letzten acht Jahre in Österreich an. Da war Spar im Vergleich mit den anderen Vollsortimentern acht Mal Wachstumsführer. Nehmen wir den Diskont hinzu, dann haben wir sechs Mal die Spitzenposition inne. Ein Beweis dafür, dass wir niemals ruhen, immer weiter arbeiten, immer noch etwas drauflegen wollen.

Online-Umsatz-­Entwicklung

Auch für die künftigen Online-Umsätze brauchen wir einen Blick in die Kristall-Kugel. Wie schätzen Sie die Situation ein?
Drexel: Derzeit wird in unseren Breitengraden das Online-Geschäft mit Lebensmitteln überschätzt. Bei der Spar verzeichnen wir zwar deutliche Zuwachsraten. Aktuell rund 80 Prozent. Und: Diese Steigerungen zeichnen sich auch für die nächsten Jahre ab. Doch: Das Niveau ist niedrig. Wir liegen derzeit bei einer Umsatzhöhe von rund einem Prozent.

Wie ist der Status Quo bei Spars Online-Portalen?
Drexel: Wir haben pionierhaft im Jahr 2000 mit unserer Interspar Weinwelt begonnen. Ein Schritt, der uns auch bei den stationären Weinabteilungen geholfen hat. Mittlerweile sind wir der stärkste Weinhändler im Retail Business. Und: Wir haben den größten LEH-Online-Shop aufgeschalten und führen insgesamt 20.000 Artikel - Food und Near Food. Der Online-Anteil wird in jedem Fall unterschiedlich zu anderen Branchen sein. Da wird der Textil-Bereich und auch Buch-Verkauf deutlich höher liegen. Wir dürfen keine Angst vor Amazon und Co haben. Angst paralysiert. Angst macht dumm. Unser Vorbild ist lieber der kleine Asterix, der die großen Römer auch besiegen konnte.
Rüschen: Wichtig ist, dass der LEH anfängt und dann auch dabei bleibt. In Deutschland hat Kaufland mit dem Online-Geschäft gestartet, alleine in Berlin 25 Millionen Euro erwirtschaftet und dann den Stecker gezogen. Ich denke, dass es Spar richtig macht: Dabei bleiben, weiterlaufen lassen. Ohne zu viel Euphorie.

Online-Zahlen präsentierte zuletzt die Wirtschaftskammer?
Thalbauer: Wir haben ausgehoben, dass die Online-Ausgaben in Österreich mittlerweile auf 7,5 Milliarden Euro gewachsen sind. Die Krux: Nur 2,2 Milliarden Euro gingen dabei auf Austro-Plattformen, 3,8 Milliarden Euro wurden im Ausland ausgegeben. Die Problematik für den LEH und hier vor allem den Frische-Bereichen ist dabei zweifellos geringer als in Warengruppen, wo online bereits ein Viertel bis ein Drittel der Umsätze getätigt wird.

Welche Rolle kommt der Interessensvertretung bei immer globaleren Wellen und Player zu?
Thalbauer: Interessensvertretung wird immer wichtiger. Es braucht Sensibilisierung, dass ungleiche Wettbewerbsbedingungen herrschen und manche Online-Giganten nach Steuer-Deals nur ein bis zwei Prozent ihrer Erträge versteuern. Während bei den österreichischen Marktteilnehmern 25 Prozent Steuerabgaben fällig werden. Da geht es um die Frage von Umsatzsteuerbetrug. Da sind wir als Interessensvertretung in Österreich genauso gefragt wie die europäische Ebene, EU oder OSZE. Wir sind gefordert unsere Expertise einzubringen.

Wird da nicht zu lahm vorgegangen?
Thalbauer: Das sehe ich nicht so. Das europäische Steuersystem ist historisch gewachsen, in einer Zeit, wo es den Online-Handel in der aktuellen Form nicht gegeben hat. Und trotzdem: Mittlerweile sind die ersten Erfolge da. So wird die Einfuhr-Umsatzsteuerbefreiung von 21 Euro abgeschafft. Dazu liegen zwei Richtlinien zur digitalen Besteuerung vor. Wir sind am richtigen Weg.

CETA

Auch bei CETA?
Thalbauer: CETA ist sehr gut ausverhandelt. CETA hat für Österreich viele Vorteile. Wir haben einige Unternehmen im KFZ-, Maschinen- und Anlagen-Bau, die mit Kanada starke Exportbeziehungen hegen. Das Volumen betrug zuletzt 600 Millionen Euro. Dazu gehen Güter im Wert von 500 Millionen Euro in Dritt-Länder, die wiederum nach Kanada exportieren. Der dritte Posten sind Dienstleistungen von weiteren 220 Millionen Euro, die nach Kanada gehen. Hier bringt die Abschaffung der Zölle erhebliche Erleichterungen. CETA wird nicht unsere Qualitätsstandards untergraben.

Drexel: Ich denke, dass genau hier das Problem liegt. CETA geht weit über den Freihandel hinaus. CETA gewährt Sonderklagerechte für ausländische Konzerne. Da entsteht eine Parallel-Judikatur. Mit asymmetrischem Erscheinungsbild, denn der Kläger kann nur ein Unternehmen, ein Konzern sein. Der Beklagte immer ein Staat. Das ist brandgefährlich. Denn: Beispiel genmanipulierter Lachs. Wenn ein kanadisches Unternehmen meint, dass die Auslobung von gentechnisch veränderten Lebensmitteln ein Handelshemmnis ist, dann kann es dagegen vorgehen. Dann müssen wir auf Nadeln sitzen und warten, wie das Schiedsgericht entscheidet. Und: 80 Prozent der US-Unternehmen haben Töchter in Kanada. Das heißt, das Abkommen geht weiter als es vielleicht den Anschein hat.

Supermärkte der Zukunft

Sind 800 m2-Märkte aktuell das Optimum?
Drexel: Das würde ich nicht sagen. Der aktuelle Trend geht aber dahin, dass Supermärkte etwas größer, Hyper-Standorte etwas kompakter werden. Aber: Es geht jetzt vor allem um qualitative Expansion. Es geht darum, die besten Flächen zu beziehen. Es geht um Abtausch, wenn es beim neuen Markt bessere Parkplätze, eine bessere Anbindung oder eben auch größere Verkaufsflächen gibt. Aber eines bleibt die Konstante: Es ist immer eine Standort- und eine Sortimentsfrage.

Innovationen und Start-ups

Stichwort Sortiment: Wie sourct die Industrie die richtigen Sortimente. Wie wichtig sind Start-ups?
Rechberger-Krammer: Wir screenen von Silikon Valley bis Shanghai. Wir suchen nach Start-ups, die unser Geschäft stören oder weiterbringen können. Es geht um Ansätze, die auch einen digitalen Faktor beinhalten. Und: Es geht um die Daten von Konsumenten, die wir versuchen müssen uns selbst zu erarbeiten. Deshalb gibt es auch einige CRM- und ioT-Lösungen von Henkel. Einen eigenen Henkel-Online-Shop wird es nicht geben. Ich denke nicht, dass der Kunde für alle Marken einen eigenen Shop braucht. Und Marketplaces sind in Österreich nicht vorhanden. Überhaupt fehlt hierzulande die treibende Online-Kraft im FMCG-Bereich. In Tschechien haben wir deutlich höhere Online-Zahlen als in Österreich. Dort liegen wir über drei Prozent. Die Online-Bedeutung hängt natürlich auch von der stationären Laden-Dichte ab.

Herbert Schneeweiß