ELI Einkaufszentrum Liezen

Mag. Martin Engelmann, Vorsitzender der dm Geschäftsführung, über Preise, Flächen, Sortimente

dm: Italien und Kunden-Bindung

  • Sonntags-Öffnung in Ungarn brachte gar nichts
  • 25 bis 30 Laufmeter Food-Stellfläche
  • 13 Italo-Standorte

Regal: Derzeit wird die Ausweitung der Öffnungszeit von 72 auf 76 Stunden diskutiert. Wo liegt die durchschnittliche Öffnungszeit bei dm und was halten Sie von einer Ausweitung?
Engelmann: Wir sind kein Drängler, was die Erweiterung von Öffnungszeiten betrifft. Wir passen uns der Umgebung an. Wir sind nicht diejenigen, die aufgrund des Konzepts dafür plädieren, sieben Tage 24 Stunden offen zu halten. Wir haben in Ungarn erlebt, dass es eigentlich nur zu einer Verschiebung der Umsätze kommt, wenn man den Sonntag liberalisiert. Als diese Regelung wieder gefallen ist, war es für uns nicht von Schaden, weil sich der Umsatz wieder auf die Kernöffnungszeit fokussiert hat.

Was bedeutet dies konkret?
Wir orientieren uns am Lebensmittelhandel und an Einkaufszentren. Wir versuchen, dann offen zu haben, wenn Kundenströme stattfinden. Wir können durch unser Offenhalten nur wenig Beitrag dazu leisten, dass Kundenströme ausgelöst werden. Die Idee der Erweiterung, die ja in Österreich aktuell von der Rewe lanciert wurde, ist meiner Meinung nach nur für den großen Lebensmitteleinzelhandel ein Vorteil. Bei uns geht es eher darum, dass wir die 72 Stunden gut ausnutzen und uns flexibel anpassen können.

Wie würden Sie das abgelaufene dm-Geschäftsjahr (Ende September) bewerten?
Es ist immer eine Herausforderung, so ein Geschäftsjahr gut zu bestehen und sich auf neue Bedingungen einzustellen. Es gibt zwei große Projekte, die uns beschäftigt haben. Die Expansion nach Italien und die Umstellung eines zehn Jahre alten Kundenbindungsprogrammes auf eine neue Partnerschaft.

Im März lag der Österreich-Umsatz bei 456 Millionen Euro. Sind Sie zufrieden?
Es war ein spannendes Jahr für die Umsatzentwicklung. Wir können davon ausgehen, dass das zweite Halbjahr ungefähr so laufen wird wie das erste Halbjahr. In Österreich sogar etwas besser. Im Teilkonzern rund acht Prozent und in Österreich, wo wir 1,6 Prozent Plus hatten, wird eine Zwei davor stehen.

dm hat stark in seine Preise investiert. Um wie viel wurden die Preise durchschnittlich gesenkt?
Unsere kumulierte Preisentwicklung im letzten Jahr liegt bei 0,26 Prozent. Das ist rund zwei Prozent von der Gesamtinflation entfernt. Würden wir 50 Prozent mehr Läden haben, könnten wir dieses Preisniveau nicht haben.

Wie viele Geschäfte wurden im abgelaufenen Geschäftsjahr modernisiert?
Im letzten Jahr haben wir 33 Filialen angegriffen. Sechs neue kamen hinzu, drei haben wir geschlossen.

Gibt es noch freie Flächen für Expansion?
Durch die Veränderungen im stationären Einzelhandel kann man derzeit von veränderten Flächenverfügbarkeiten profitieren, Stichwort Textil- oder Schuheinzelhandel.

Stichwort Standortverlegungen. Wie viele dm-Standorte sind eigentlich noch an ihrem ursprünglichen Standort?
Wir haben uns das einmal in Tschechien angesehen. Nach 25 Jahren war es rund ein Viertel.

Wo liegt die durchschnittliche Flächengröße bei dm?
Bei 430 Quadratmetern. Das ist ein Wachstum von sieben bis acht Prozent, verglichen zu 2014. Das ist ein hoher Durchschnittswert.

Also von einer Flächenverkleinerung ist bei dm keine Spur?
Noch nicht. In den nächsten Jahren könnten wir aber durchaus auch die eine oder andere kleinere Fläche gestalten. Kürzlich öffnete am Kärntner Ring eine modernisierte Filiale. Ein Kleinformat im Testlauf auf einer Fläche von 270 m2. Dabei geht es aber nicht um ein neues Format. Abstufungen gibt es hier nicht in der Breite, eher in der Tiefe.

Wo steht die kleinste dm-Filiale?
In Kitzbühels Zentrum mit 162,18 m2 Verkaufsfläche.

Laut Regiodata werden pro Jahr 604 Euro für Drogerie- und Parfümerieartikel ausgegeben. Wachstumsträger sind Feinkosmetik, Parfums und Bioprodukte. Können Sie diese Entwicklung mit Ihrem Filialnetz bestätigen?
Das deckt sich. Die zwei Trends und Wachstumstreiber sind Nachhaltigkeit (Bio, regional, vegan etc.) und eine Vervielfältigung von Schönheits- und Pflegeimpulsen, wo natürlich auch die digitale Welt ihren Beitrag dazu leistet, Stichwort Influencer. Ein Beispiel: Früher hatten wir standardmäßig sechs Deko-Depots. Jetzt sind es zehn und das reicht noch nicht. Die Theken sind in sich ständig in Bewegung. Es gibt eine große Sortimentsdynamik.

Wie hoch ist der Food-Anteil?
Wir haben einen national Stellflächenanteil von 140 bis 145 Laufmeter, davon sind zwischen 25 und 30 Laufmeter Lebensmittelangebot. Tendenz steigend.

dm arbeitet auch mit einigen heimischen Bio-Herstellern zusammen. Welche weiteren Pläne gibt es in diese Richtung?
Wir haben viele Möglichkeiten, um auch kleineren österreichischen Partnern Listungsmöglichkeiten zu geben – entweder über Schwerpunktsortimente oder eine nationale Listung. Die Einstiegshürde ist bei 390 Filialen gering. Österreich hat viele Hidden Champions.

Schauen wir nach Italien. Was ist der Status Quo, welche ersten Erfahrungen gibt es bisher?
Italien ist das Land, wo wir – nach Österreich und Kroatien – vom Start weg die höchsten Durchschnittsumsätze haben. Wir haben die ersten sieben Filialen im ersten Halbjahr eröffnet und werden Ende des Geschäftsjahres bei 13 stehen. Die Projektliste ist gut gefüllt. Wir sind zuversichtlich, dass wir im Laufe des kommenden Jahres die Zahl verdoppeln oder verdreifachen können. Fokus ist weiterhin Norditalien. Zwischen 30 und 40 Standorte sind nicht unrealistisch. Sehr überrascht sind wir von der positiven Entwicklung in der Re­gion Mailand.

Gab es Hürden bisher?
Die Herausforderung ist, alte Gewohnheiten zu durchbrechen und die Kunden auf Neues einzustellen. Ein Beispiel: In einem FMZ, wo dm und Hofer – beide noch nicht so bekannt in Italien – sitzen, zahlt man auch ein bisschen Lehrgeld. Und wir mussten lernen, dass sich die Behördenwege wesentlich vereinfacht haben, aber die Abläufe in der Projektabwicklung und auch die Zusammenarbeit mit italienischen Partnern muss sich erst einspielen.

Wie erfolgt die logistische Abwicklung?
Die Logistik wird parallel entwickelt – je nachdem, wie sich Umsatz und Mengenwachstum gestalten. Wir versuchen, die Aufwendungen gut skalierbar zu halten und arbeiten derzeit mit einem Logistikpartner zusammen. Bei 30 oder 40 Standorten werden sicher Teile in einer eigenen Logistik abgewickelt. Wir nutzen derzeit maximal die Möglichkeiten des Teilkonzerns mit den Kapazitäten aus unseren zwölf Ländern.

Aus der dm Kundenkarte wurde Payback. Ein mutiger Schritt.
Wir haben die Datenschutzgrundverordnung sehr gewissenhaft umgesetzt und wollten hier auch kein Risiko eingehen. Für die analogen Kunden war die Umstellung sicher eine große Hürde. Wir hatten rund zwei Millionen Karten und haben jetzt 1,7 Millionen aktive Karten. Wir rechnen damit, die Umstellung 2018 weitgehend abgeschlossen zu haben.

Was ist der Status Quo beim OTC-Verkauf?
Wir bereiten den dritten Antrag an den Verfassungsgerichtshof vor. Wir werden nicht locker lassen, diese Frage einer inhaltlichen Klärung zu unterziehen. Bisher gab es ja formale Zurückweisungen der Anträge.

Der Länder-Unterschied beim Vertrieb der OTC-Produkte ist ja groß.
Das stimmt. In Kroatien haben wir in der Zwischenzeit rund 14 Standorte, wo wir in einer eigenen Abteilung OTC-Produkte in Bedienung verkaufen. Dafür gibt es die entsprechende pharmazeutische Betreuung. In Ungarn wurde der Vertrieb bestimmter Produkte bis hin zur Tankstelle liberalisiert. Am plakativsten ist der Unterschied zu Deutschland. Wir sind nicht berechtigt, Produkte, die in Deutschland in Selbstbedienung im Drogeriemarkt gekauft werden dürfen, in Österreich in gleicher Form anzubieten.

In Tschechien, der Slowakei und Ungarn lancierte dm kürz­lich einen Online-Shop. Wie sind die allgemeinen Online-Ent­wick­lun­gen?
Der Online-Umsatz ist nach wie vor unsere stärkste Filiale in Österreich und hat rund ein Prozent Anteil am Gesamtumsatz. Die größten Herausforderungen sind die letzte Meile und ein vollständiges Markenerlebnis zu bieten.

Was bewegt die Branche derzeit?
Zum einen sind die klassischen Definitionen des Einzelhandels zu überdenken. Es überlagern sich Einkäufe von stationär und online. Der stationäre Handel wird aber weiterhin eine große Bedeutung haben, davon bin ich überzeugt. Zum anderen gibt es neue Angebotsformen, es sind immer mehr Player tätig, die eine Rolle spielen. Vom Non Food Diskont bis hin zu Aktionsplattformen. Die Segmentierung von LH und DFH verliert ein bisschen an Bedeutung. Man ist nicht mehr so einfach einzuordnen als Anbieter.

Wer ist dm? Was ist Ihre Definition?
Es geht nicht mehr nur darum, Zahnpasta zu verkaufen. Die Schweizer Drogisten beschreiben die Sparte als Fachmann für die Schönheits-, Gesundheits- und Haushaltspflege. Das ist eine schöne, konsumentenorientierte Beschreibung.

Vielen Dank für das Gespräch.
Verena Widl