Mit Sohn Spar-Vorstand Mag. Fritz Poppmeier

Nachruf Fritz Poppmeier

1933–2019

Es war der 10. April. Exakt 13 Uhr und 17 Minuten. Da machte mein Handy wieder einmal klick. Wie so oft. Wie dutzende Male am Tag. Ich blickte von der Zeitung auf und warf einen teils gelangweilten, teils ärgerlichen Blick auf meinen elektronischen Briefkasten. Doch schon der Absender des SMS überraschte: Spar PR Lady Nicole Berkmann. Und der Text schockierte: „Wir haben leider traurige Nachrichten zu verkünden. KR Dr. Fritz Poppmeier ist verstorben.“
Zunächst Starre. Dann schoss mir in Bruchteilen von Sekunden Poppmeiers Bild in den Kopf. Sein weißes, stets zum Scheitel gekämmtes Haar, sein meist braun-gelber Steireranzug mit gestreifter Krawatte zu blütenweißem Hemd. Und sein breites Lächeln unter weise blickenden Augen.
Da überwältigte mich ein schrecklicher Gedanke: „Tot!“. Dann flogen in fast digitalem Tempo Bilder aus seinem Leben durch meinen Kopf. Wir hatten uns schließlich 50 Jahre gekannt. Und nun…?
Um es vorweg zu nehmen: KR Dr. Fritz Poppmeier war einer der letzten „Grand Old Man“ in der Handelsbranche. Nach ihm gibt es als „Große“ jetzt nurmehr den einst exzellenten Gründer-Präsidenten der Spar, KR Luis Drexel (über 90!) sowie Veit Schalle, den legendären Ex-Chef aus der heutigen REWE Gruppe.
Fritz Poppmeier war einer der Gründer-Väter der Spar. Und er war einer der Architekten des unwahrscheinlich steilen und fast unaufhaltsamen Aufstieges der Spar von einer kleinen Handelsorganisation zu einem mit rund 15 Milliarden Umsatz heute größten Wirtschaftskonzern Österreichs. Dieser Aufstieg der Spar verdient umso mehr Beachtung, als viele Mitbewerber gleichzeitig k.o. gegangen sind. Die Pleite von Konsum. Das Aus von Meinl und Zielpunkt. Das Ende von A&O und anderen Handelsketten. Einmal nannte er in seiner kleinen, aber dezent fein eingerichteten Salzburger Wohnung nahe dem „Alten Markt“ einen der Gründe für den Erfolg der Spar: „Wir versuchen trotz Kontinuität der Zeit durch neue Perspektiven voraus zu sein!“ Er belegte das mit Fachliteratur und dabei kosteten wir köstlichsten steirischen Obstler. Denn Steirisches musste bei dem Ursteirer Poppmeier immer dabei sein.
1933 in Graz geboren, machte er Matura und absolvierte danach auf Wunsch seines Vaters, der in der Grazer Dreihackengasse einen Lebensmittelgroßhandel betrieb, den Abiturientenkurs. Danach studierte er Jus. Schon 1958 folgte die Familie der revolutionären Idee des Spar Gründers Hans Reisch, der in Tirol nach holländischem Vorbild 1954 eine freiwillige Handelskette namens Spar gegründete hatte. Die Poppmeiers organisierten 1958 eine Spar für Steiermark/Südburgenland. Wenig später, 1970, schlossen sich dann die drei Familiengruppen ­Reisch (Tirol/Pinzgau), Drexel (Vorarlberg) und Poppmeier zur Spar AG zusammen. Auch heute besitzen diese drei Familien die Aktienpakete der Spar AG, die damit der größte Familienkonzern in Österreich ist!

Fritz Poppmeier war in diesem Strudel des wirtschaftlichen Aufbaues stets mitten drinnen. Von Anbeginn an war er im Vorstand der Spar AG und dort für die Bereiche Werbung, Marketing, Recht und Expansion zuständig. Poppmeier war ein unermüdlicher Motor. Vor allem in der Werbung leistete er mit Spar Pionierarbeit. Preisanzeigen, Imagewerbung. All das, heute selbstverständlich, war damals Neuland. Dazu rangen er und seine Mitarbeiter im Marketing, vor allem Werner Parkos, stets um attraktive und funktionale Gestaltung der Spar Märkte. Sie suchten nach Lösungen nicht im Pitztal oder in Neusiedl sondern in San Francisco, Zürich und London. In dieser Weltoffenheit lag ein Geheimnis für den Erfolg.
Ich selbst hatte mit Poppmeier viele, viele Erlebnisse. Eines wird mir immer in Erinnerung bleiben. Im Frühjahr 1989 hatte die ungarische Regierung mit Wirtschaftsminister Dr. Wolfgang Schüssel Wirtschaftsgespräche in Ungarn vereinbart. Das Ziel sollte ein Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen sein. Ungarn hauchte damals gerade den Rest von Kommunismus aus und wollte sich der Welt öffnen. Schüssel stellte eine Wirtschaftsdelegation zusammen, der Poppmeier und auch ich angehörten. Die Ungarn schickten uns ein Sonderflugzeug und so schwebten wir ins Land der Magyaren, das uns Österreichern damals noch sehr fremd war. Wir dachten nur an Pußta, Piroschka und die Zigeunerfidel. Von Budapest fuhren wir dann im Konvoi, von einer großen Polizei­eskorte begleitet, nach Nordwestungarn, genauer gesagt in die wunderschöne Stadt Eger. Poppmeier meinte zu mir auf dieser Fahrt, dass er an einer Expansion nach Ungarn zwar sehr interessiert sei, dass das kommunistische System wohl aber unüberwindliche Hürden habe. So landeten wir am Konferenztisch in Eger. Unser Chefverhandler war Minister Dr. Schüssel. Ein Profi. Uns gegenüber saß die ungarische Delegation mit Außenhandelsminister Beck an der Spitze. Und irgendwann, mittendrinnen, fragte der ungarische Minister mit Blick auf Poppmeier und in aller Höflichkeit: „Und was, bitte, ist eine freiwillige Handelskette von Kaufleuten?“ Die Stunde Poppmeiers war gekommen. Er setzte zu einer Erklärung an und ließ dabei an Brillanz nichts missen. Die Ungarn hörten wie gebannt zu und vernahmen wohl zum ersten Mal aus berufenem Mund wie freier, ­selbstständiger Handel in einer modernen Wirtschaftswelt funktioniert. Poppmeier begeisterte und imponierte den Ungarn und wir Österreicher waren insgeheim stolz darauf, dass einer von uns so gute Figur machte. Handelsminister Beck meinte dann: „Ich habe verstanden. Das ist Zukunftsmelodie für Ungarn!“

Aber, Ironie der Geschichte, Poppmeier sollte Recht behalten. Die Kommunisten wurden nur kurz drauf weggefegt. Vier Jahre später wurde in Tata der erste westliche Supermarkt durch die österreichische Spar eröffnet. Poppmeiers Expansionsstreben brachte tollen Erfolg. Heute ist Spar in Ungarn eine Größe im Handel mit 1,8 Mrd. Euro Umsatz und selbstständige Kaufleute blasen den Takt für den Fortschritt.

Das war Poppmeier: ein brillanter Denker, Verhandler und Jurist. Ein Tüftler, ein Intellektueller. Einer der klügsten Köpfe – mit Bildung und Kultur – die Österreichs Handel je hervorgebracht hat. Dabei war er im Vorstand und danach im Aufsichtsrat der Spar ständig bemüht, die Struktur der Spar in der Praxis zu verbessern, die Instrumentarien des Handelsalltags zu modernisieren und neue Wege im Handel zu gehen. Er war einer, der die Zeichen der Zeit erkannt und auch umgesetzt hat. Etwa die Liberalisierung des Mopro Marktes, für die er kämpfte.
Er suchte auch ständig nach neuen Vertriebsformen. Im Kleinen, bei Kaufleuten wie im Großen, bei Interspar. Schon 1971 gründete er in Graz den Interkauf, aus dem Jahre später der City Park werden sollte. Ein Zentrum, das prächtig lief. Dennoch stand er eines Tages im Jahr 2001 in der Mall des Zentrums, verwies auf die Geschäftigkeit rundum und sagt mir: „Im Vertrauen, ich möchte dem mehr Zukunft geben und das Zentrum zu einem Urban Entertainment Center ausbauen“. Bereits 2003 wurde dann dieser Zukunftstempel modernen Handels als Einkaufspark der besonderen Art eröffnet. Eine Meisterleistung mit fast 80!

So treffen die Worte des steirischen Landeshauptmannes Hermann Schützenhöfer die Leistungen Poppmeiers voll und ganz: „Friedrich Poppmeier hat als Doyen des steirischen Handelswesens Herausragendes geleistet!“ Dafür wurde ihm das Große Goldene Ehrenzeichen des Landes Steiermark verliehen.
REGAL und seine Leser verneigen sich vor einem großen Mann des ­österreichischen Handels. Unsere Anteilnahme gehört der Familie, seiner Frau, die ihn auf viele REGAL Veranstaltungen begleitet hatte, seinen drei Töchtern und den beiden Söhnen, die heute selbst hervorragende Mitglieder des Spar Getriebes sind. Sein Sohn Fritz sitzt im Vorstand und führt das große Erbe der Familie fort, die als kleine steirische Großhändler begonnen haben und nun zu Playern im mitteleuropäischen Handel aufgestiegen sind. Requiescat in pace.

Manfred Schuhmayer