Peter Reinecke, Präsident und GF des forum.ernährung heute (f.eh) im REGAL-Gespräch

Schluss mit Fake Science!

  • Kennzeichnung darf nicht verwirren
  • Ernährungsökologie, Nachhaltigkeit immer wichtiger

Ende 2018 wurde Peter Reinecke zum dritten Mal zum Präsidenten des f.eh wiedergewählt. Der ehemalige Generaldirektor von Kraft Foods Österreich (heute Mondelez) und selbstständige Unternehmensberater hält die Dialogplattform mit seiner fundierten Managementexpertise weiter auf Erfolgskurs. Künftig will er die Präsenz und den offenen Dialog des nicht gewinnorientieren Vereins steigern. Schluss mit Fake Science! Stattdessen setzt er auf Sachlichkeit, Klarheit und wissenschaftsbasierte Informationen.

REGAL: Herr Reinecke, Sie sind seit knapp zehn Jahren im Amt, wo setzen Sie künftig die Schwerpunkte?
Reinecke: Im Grunde wollen wir dazu beitragen, dass die allgemeine Bevölkerung über die Faktenlage der Ernährung auf Basis der Wissenschaftlichkeit orientiert ist. Dass Thema Ernährung ist ja sehr komplex und interessensgesteuert. Wir wollen daher mehr Sachlichkeit, Klarheit und Faktenorientierung in die Diskussion hineinbringen. Wir haben aber keine Position für oder gegen etwas, sondern verstehen uns als Plattform für den offenen, transparenten und sachlichen Austausch von Fakten und wissenschaftlichen Ergebnissen. Nur so können wir Skandalisierungen und Übertreibungen vermeiden. Ein großer Schwerpunkt ist Bildung. Diese befähigt dazu, „Autor des eigenen Lebens“ zu sein und eigenverantwortliche Entscheidungen zu treffen. Bildung ist daher ein Schlüssel für ein gelungenes kulinarisches Leben.

Essen lernen in der Schule?
Ein eigenes Schulfach Ernährungsbildung wäre wünschenswert und wird für die Lebenskompetenz immer wichtiger. Als weitere zentrale Themen sehen wir die Ernährungsökologie und die Nachhaltigkeit. Diese gewinnen gerade in einer voranschreitenden globalisierten Ernährungswelt vermehrt an Bedeutung.

Das f.eh sieht sich als neutrale Plattform. Im Vor­stand sitzen mit Mars und Nestlé zwei der größten Nahrungs­mittelkonzerne. Wie unab­hängig kann das f.eh dann sein?
Wir verlautbaren nichts, was wissenschaftlich nicht haltbar wäre. Wir laden zu unseren zahlreichen Veranstaltungen immer wieder auch andere Stimmen ein. Wir haben viele Vortragende, die mitunter ganz unterschiedlicher Meinung sind, sei es beispielsweise die Vegane Gesellschaft Österreich oder in manchen Bereichen der World Wide Fund For Nature (WWF). Wir sind für den offenen Dialog auf einer sachlich fundierten Grundlage. Wir verfolgen keine ideologie-geleitete Interessenspolitik. Unser wissenschaftlicher Beirat agiert völlig eigenverantwortlich und unabhängig und berät uns in der Geschäftsführung.

Handel und Industrie haben sich verstärkt und in aufklärerischer Weise des Themas gesunder Ernährung angenommen, wenn man etwa beispielsweise an die Zuckerdiskussion denkt. Tut hier Handel und Industrie genug oder sehen Sie hier noch Potenzial?
Es bemühen sich alle redlich, aufklärerisch zu wirken und Informationen gemäß ihrer jeweiligen Strategie zu geben. Im Grunde haben aber alle das Interesse an einer gesundheitsorientierten Ernährung und mündigen Konsumenten. Alle nehmen das Thema ernst. Natürlich darf man den Wirtschaftlichkeitsaspekt nicht vergessen. Am Ende des Tages muss es sich auch rechnen. Man muss das Thema Ernährung ganzheitlich betrachten und auch den Lebensstil und Bewegung einbeziehen.

Kennzeichnungssysteme wie Nutri Score oder die Ampel rücken vermehrt in den Diskussionsmittelpunkt. Wie steht das f.eh dazu?
Wie gesagt, wir vertreten keine Positionen für oder gegen ein bestimmtes Kennzeichnungssystem. Aber wir stellen an solche Systeme Anforderungen in dem Sinne, dass es klar, verständlich und administrabel sein soll. Es darf nicht zur Verwirrung beitragen. In der Vereinfachung lauert die Gefahr der Verfälschung.

Haben sich aus Farbsystemen irgendwelche Learnings ergeben?
Derzeit gibt es noch keine validen Ergebnisse. Das Konsumentenverständnis ist noch nicht im Detail erfasst, nicht über verschiedene Produktkategorien, Portionsgrößen oder Länder konsistent.

Sind Sie mit der Präsenz des f.eh. zufrieden?
Wir sind konstruktiv unzufrieden (lacht)! Verglichen mit dem Stand von vor zehn Jahren sind wir zufrieden. Wir sind aber noch nicht am Ziel. Wir wollen unsere Präsenz weiter steigern. Dazu dient beispielsweise auch unser Gespräch hier. Es braucht gerade in Zeiten von Fake News und Fake Science mehr Austausch, mehr wissenschaftsbasierte Aufklärung, mehr Wissen und dafür brauchen wir einfach Präsenz.

Die Lebensrealität der Konsumenten sieht ja oft so aus, dass aufgrund von Zeitdruck gesunde Ernährung kaum möglich ist.
Wir begrüßen es daher sehr, dass die Hersteller von Convenience-Produkten und Fertiggerichten ihre Produkte immer mehr in Richtung gesunder Ernährung entwickeln. Auch Chips können einen Platz innerhalb einer ausgewogenen Ernährung haben. Es gibt per se keine guten oder schlechten Lebensmittel.

Danke für das Gespräch.
Robert Falkinger