dm Geschäftsführer Mag. Martin Engelmann im REGAL-Talk. Die Themen: Standorte im In- und Ausland, Produkte, Immobilien, Sortimente und Kunden

dm weiter auf Wachstumskurs

dm ist Wachstumsführer im Drogeriefachhandel. Sein starkes Plus von März kann der Drogerieriese zum Geschäftsjahres­ende (September) erneut toppen. Die Filialanzahl hält dm konstant bei rund 390 Filialen. Und Italien ist das Expansionsbaby, das langsam beginnt, gehen zu lernen.

REGAL: dm legte im März (halbes Geschäftsjahr) um 4,3 Prozent in Österreich zu. Der Umsatz stieg auf 475 Millionen Euro. Können Sie dieses Wachstum bis zum Geschäftsjahresende im September halten?
Martin Engelmann: Sehr erfreulich ist, dass wir bereinigt kräftig wachsen. Wir liegen derzeit über dem Halbjahres-Wachstum und es sieht auch so aus, als würden wir diese Entwicklung halten können. Auch im Teilkonzern sind wir kumuliert kräftiger als im Halbjahr gewachsen und können die neun Prozent, die wir uns vorgenommen hatten, vermutlich sogar überschreiten. Das alles auf bereinigter Fläche.

Die 400er-Marke ist in Österreich ja nicht mehr weit.
Wir sind heute insgesamt bei 388 Standorten und haben die Filialanzahl zugunsten der Qualität sogar reduziert, verglichen zum März. Wir haben eine Filiale neu eröffnet und vier geschlossen. Davon wiederum waren zwei Zusammenführungen und zwei ersatzlose Schließungen – eine in St. Valentin im Fachmarktzentrum, eine in der Grazer Radetzkystraße. In Graz sind wir sehr dicht vertreten.

Welche spannenden Neueröffnungen stehen bevor?
Ein schönes Projekt eröffnen wir zum Beispiel im Oktober in der Grazer Murgasse. Dort können wir von heute zwei Geschoßen auf künftig drei in einen ehemaligen Vögele-Standort umsiedeln. Die erste dm-Filiale auf drei Ebenen.

Von welcher Investitionssumme sprechen wir hier?
Konkret kann ich es nicht sagen, aber unsere Investitionssummen pro Laden liegen – je nach Kategorie der Anmietung, Standort, etc. – zwischen 300.000 und einer Million Euro.

Wie viele Immobilien sind eigentlich im Eigenbesitz von dm?
Wir haben in Graz ein Eigentumsobjekt, aber das ist die absolute Ausnahme. Auch in Osteuropa sind es ein paar Standorte, wo es punktuell günstiger war zu kaufen als zu mieten. Wir mieten, um langfristig flexibel und beweglich zu bleiben. Denn das Einkaufsverhalten ändert sich rasant.

Ein kurzer Blick auf den Teil­konzern?
Je jünger die Länder sind, umso dynamischer ist das quantitative Filialwachstum. Je reifer die Länder sind, umso eher geht es um eine qualitative Weiterentwicklung und Erneuerung des Netzes.

In Italien hat sich viel getan in den letzten Monaten. Ein Sprung von neun auf 28 Filialen innerhalb eines Jahres.
Es sieht so aus, als würden wir zum Jahresende bei 38 Filialen landen. Damit sind wir im ersten vollen Jahr der Italien-Expansion nicht weit weg von den rund 40 Standorten, mit denen wir uns 2005 zurückgezogen haben.

Wie sieht es umsatzmäßig aus?
Italien ist auf einem guten Kurs. Die Läden werden gut angenommen. Die Learnings der ersten Filialen haben zu Schwerpunkt-Setzungen nach bestimmten Standort-Kategorien geführt. Die Projektliste ist gut gefüllt. Unser rascher Expansionsplan bewahrheitet sich also.

Welche Sortimente bevorzugen italienische Kunden?
Im Großen und Ganzen schauen italienische Läden ähnlich aus wie hier. Erfreulich ist die Akzeptanz unserer Eigenmarken. Da hat Italien einen überproportionalen Anteil. Das kann man allerdings mit gemischten Gefühlen betrachten, weil wir ja auch mit Industriemarken, mit denen wir im direkten Wettbewerb stehen, attraktiver Anbieter sein wollen. Thematisch sind in Italien Schönheit und Ernährung vorne.

Steht eine eigene Logistik vor Ort jetzt ante portas?
Im Moment gibt es noch keinen Plan für eine ausgeprägte Eigenlogistik. Wir arbeiten mit einem Dienstleister zusammen und beabsichtigen, das auch bis auf weiteres zu pflegen. Auch wenn wir im nächsten Jahr Richtung 60 Standorte gehen sollten. Eine eigene Logistik verursacht hohe Investitionen. Wir greifen außerdem auf unser gesamtes Logistik-Netzwerk im Teilkonzern zu. Wir liefern etwa unsere Eigenmarken teilweise schon etikettiert aus unserem Eigenmarken-Verteilzentrum in Ungarn.

Zurück nach Österreich. Im letzten Gespräch sagten Sie, etwa ein Fünftel der Stellfläche ist mit Ernährung belegt. Ist Bio nach wie vor gefragt?
Bio ist wichtig, wir setzen gerade einen Schwerpunkt in der Ernährung und Ernährungsberatung. Dafür haben wir auch die Sortimente weiter ausgebaut. Die drogistische Kompetenz steht dabei im Vordergrund. Wir denken beispielsweise an Kinder, Sportler und Nahrungsmittel­un­verträg­lichkeiten – hier haben auch Neulistungen stattgefunden. Die Zusammenarbeit mit regionalen Herstellern ist uns nach wie vor wichtig.

Gibt es neue Ideen für die Präsentation von Food im Markt?
Ja, die gibt es. Es geht in Richtung einer angemessenen Beratungsleistung. Aber wir befinden uns hier noch im Experimentierstadium.

Start-ups werden derzeit stark gepusht, auch von Handelsseite. Ihre Meinung dazu?
Mit dem Pushen von Start-ups sollte man etwas vorsichtig sein. Man kann Ideen auch überfordern und Menschen schnell in den Ruin treiben. Wir Händler übernehmen eine gewisse Verantwortung damit.

Dauerthema OTC. Aktueller Status Quo?
Mit einem neuen Anwaltsteam haben wir einen neuen Antrag erarbeitet und eingebracht. Dieser beruht auf einer etwas modifizierten juristischen Argumentation, vor allem wurde er aber auch im Bereich der Formalerfordernisse deutlich vertieft. Wir sind neugierig, aber auch entspannt. Wenn der Verfassungsgerichtshof in unserem Sinne entscheiden sollte, ist erstmal der Gesetzgeber gefordert. Das wird sicher nicht von einem Tag auf den anderen passieren.

Wie geht es den Online-Geschäften?
Der Online-Umsatz beträgt über ein Prozent des Gesamtumsatzes und entwickelt sich stärker als das stationäre Geschäft. Es ist Teil unserer Multichannel-Strategie, keine Verkaufsmaschine. Der Kunde entscheidet, welchen Kontaktpunkt er gerade möchte. Wir wissen aus unseren Erhebungen, dass es den reinen Online-Kunden kaum gibt.

Wie hoch ist die Kunde­nfrequenz bei dm?
Eine Filiale hat durchschnittlich 500 Kunden pro Tag, das variiert aber natürlich stark. Die umsatzschwächste Filiale macht halb so viel Umsatz wie eine Durchschnittsfiliale. Die höchste ist mehr als doppelt so stark – dementsprechend sind auch die Frequenzen unterschiedlich.

Männer kaufen, auch wissenschaftlich belegt, Pflegeprodukte eher im Supermarkt. Stichwort One-Stop-Shopping. Wie hoch ist der Frauen-Anteil bei dm?
Sicher über 80 Prozent. Aber der Männer-Anteil nimmt zu. Unser aktueller Coup ist zum Beispiel die neue Eigenmarke „Seinz“ im Männerpflege-Bereich.

Ein Sprung zu Payback. Wie geht es Ihnen nach über einem Jahr?
Der Prozess der Umstellung ist abgeschlossen. Nicht- oder Wenig-Nutzer werden natürlich bereinigt bei so einer Umstellung. Aber wir sind in etwa bei dem Umsatz- und Nutzeranteil, den wir vor der Umstellung hatten. Wir wollten immer schon eine Multi-Branchen-Lösung und sind sehr zufrieden.

Wie viele Friseur- und Kosmetikstudios hat dm am Netz?
Zum Halbjahr waren es 172 Friseur- und 113 Kosmetik­studios.

Was tut sich in Sachen Logistik-Effizienz bei dm?
Wir versuchen laufend, unser Filialnetz zu optimieren. In immer mehr Filialen ist eine un­begleitete Anlieferung möglich. Egal ob in der Nacht oder tagsüber. Dennoch muss man sagen, dass die Effizienz in der Handelslogistik sehr hoch ist. Es gibt mehr halbleere Pkw als LKW. Leeres Volumen beim LKW kann sich heute niemand leisten.

Der Mitbewerber scheint sich etwas erholt zu haben.
Ist doch gut. Er scheint sich erholt zu haben, indem er weiß, was er will. Wenn man gut aufgestellte Mitbewerber hat, muss man sich selbst mehr bemühen. Entscheidend ist, welche Strahlkraft wir als dm auf unsere Kundinnen und Kunden haben.

Herzlichen Dank für das Gespräch.
Interview: Verena Widl