Mag. Alfred Riedl (Foto: Arnold Burghardt)

Gemeindebund-­Präsident Mag. Alfred Riedl im ­REGAL-Gespräch

Kritisch: Gemeindebund-Präsident Riedl

Am Freitag zur Öko-Demo zu gehen und dann online einzukaufen, lehnt Gemeindebund-­Präsident Mag. Alfred Riedl ab. Er sieht eine Trendwende hin zur Ortskernbelebung.

REGAL: Ist Online für die Nahversorgung ein Fluch oder ein Segen?
Alfred Riedl: Die Auswüchse, die dadurch passiert sind, sind definitiv ein Fluch. Aber wir werden beides brauchen – ­Online und Offline. Und Online kann ja die lokalen ­Unternehmen auch stärken, zum Beispiel in abgelegenen Orten, wo Unternehmer ihre Ware im Internet anbieten.

Online ist aber der Feind der Nah­versorgung?
Online ist so ein Thema: Wenn unsere Jungen freitags demonstrieren gehen, aber online Bestellungen aufgeben, dann ist das eine nicht zu Ende gedachte ökologische Dimension und das Ende der lokalen Wirtschaftstreibenden. Es muss sich auch das Bewusstsein der Jungen, die jetzt bei der Klimadebatte dabei sind, ändern. Diese Diskussion hat man vor jeder Haustür. Der Onlinedienst fährt heute in jede Gemeinde – da ist auch die Nahversorgung gefährdet. Wenn also die Bevölkerung für ein Erlebnis lieber woanders hinfährt und nur zum Bäcker um die Ecke geht, weil die Milch vergessen wurde, dann kann das lokale Unternehmen nicht überleben. Es braucht das Bewusstsein, aber nicht die Steuern der öffentlichen Hand.

Wie schätzen Sie die Situation in zehn Jahren ein?
Es wird eindeutig besser. Es kommen innovative ­Modelle, es kommen digitale Zugänge. Die Wirtschaft wird sich in kleineren Strukturen wieder wohler fühlen und überleben können. Der Adeg-Dorfleben Report zeigt ganz gut, dass es Unternehmer gibt, die neben dem Waren-Verkauf das Kommunikative ins Zentrum stellen. Es ist eine Sehnsucht der Leute, sozialen Kontakt zu haben.

Apropos sozialer Kontakt, wie wichtig ist die ­Funktion des Kaufmanns für den Ort?
Die Bevölkerung braucht einen Treffpunkt, wo man sich austauschen kann. Das Gefühl, Kontakte zu ­haben, die ganz zwanglos passieren, wird immer wichtiger. Teilweise passiert das heute noch über ­Vereine, Schulen und eben auch Greißler – aber das kommt wieder. Vorzeige-Nahversorger funktionieren eben nicht nur wegen ihres Angebots und der ­Kommunikation nach draußen, ­sondern, weil sie eine Begegnungsstätte sind.

In Österreich gibt es 2.100 Gemeinden und 5.600 ­Lebensmittelmärkte – das heißt es gibt mehr ­Geschäfte als Gemeinden. Gibt es überhaupt Orte ohne Nahversorgung?
Ein Dorf ohne Nahversorgung kann ich mir nicht vorstellen, das ist kein Dorf. Das stirbt grundsätzlich zur Gänze. Wir tun alles, um so etwas aufzuhalten und es sieht so aus, als würden wir die Trendumkehr schaffen.

Wie definieren Sie „Gemeinden ohne Nahversorger“? Zählen Sie Buschenschanken, Tankstellen und Gasthäuser dazu?
Grundsätzlich versteht sich die Versorgung des täglichen Bedarfes als wohnortsnah. Ob das eine Tankstelle, ein Gasthaus oder etwas anderes ist, macht keinen Unterschied in dieser Hinsicht, solange es nah am Wohnort ist. Nahversorgung heißt für uns, Versorgungssicherheit für Gesundheit, Sicherheit, tägliche Arbeit, ­Ausbildung der Kinder und in ­Frieden altern zu können.

Sie sprechen von einer Trendwende, was heißt das?
Es gibt eine Bewusstseinsveränderung in dieser ­Hinsicht. Ortskernbelebung ist das Sichern von Nahversorgung. Ich habe kleinere Gemeinden im Bundes­gebiet, die viele Leerstände haben und keine Geschäfte mehr. Wenn das Bewusstsein bei den Betroffenen geschaffen wird, die Ressourcen zu nutzen, dann merken wir, dass innerhalb von drei oder vier Jahren auch die Eigen­tümer umdenken.

Gibt es Beispiele dafür?
Ein positives Beispiel ist Waidhofen an der Ybbs. Da lebten im Jahr 1970 fast 1.000 Personen im historischen Stadtgebiet. 2012 waren es nicht mal mehr die Hälfte. Und 2004 zählten wir dort 30 Leerstände, mit Tendenz nach unten. Mit Lokalinitiativen, Bewusstseinsbildung, Kooperationen von Wirtschaft und Gemeinde ist die Trendumkehr möglich gewesen. Zurzeit haben wir 700 Personen im Zentrum und 20 Gebäude revitalisiert.

In vielen Gemeinden müssen Nahversorger zusperren, weil die Gemeinde nicht die erforderliche Frequenz liefert. Ist also die Bevölkerung selbst schuld, wenn sie im Ort vor geschlossenen Türen stehen?
Nein. Die Gemeinde oder der Steuerzahler muss nicht einspringen, um die Nahversorgung am ­Leben zu halten. Wenn es wirtschaftlich nicht funktioniert, soll dann der Steuerzahler etwas dazu geben? Das sehe ich nicht ein.

Was sagen Sie zu neuen Alternativen wie ­Container-Shops, Ab-Hof-Läden und Waren­automaten?
Wenn der Druck groß genug ist, wird immer über Alternativangebote nachgedacht. Ein veraltetes Beispiel dafür ist der „Gai-Fahrer“ – der Bäcker, der mit seinem Auto durch die Gemeinden fuhr und frisches Gebäck lieferte – dieses Angebot ist Nahversorgung, ob das jetzt ein Automat oder ein Auto ist, ist egal, es muss sich wirtschaftlich ­auszahlen.

Was genau kann der Bürgermeister in solchen Situationen tun?
Er kann Bewusstsein schaffen. Was ich strikt ­ablehne, ist Steuergelder in die Hand zu nehmen und um Ausgleichszahlungen zu bitten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Anna Lena Wagner