Henkel Österreich Präsidentin Mag. Birgit Rechberger-Krammer

Henkel Präsidentin Rechberger-Krammer im Interview

Für Henkel Österreich Präsidentin Mag. Birgit Rechberger-Krammer liegen die großen Schwerpunkte künftig auf Premium, Nachhaltigkeit&Convenience. Wachstum führt nur über Innovationen mit Value-Strategie.

REGAL: Frau Rechberger-Krammer, wie lief es 2019?
Rechberger-Krammer: Global gesehen war es ein sehr schwieriges Jahr. Wir spürten den industriellen Konjunkturabschwung. Die schwächelnde Automobilindustrie beeinflusste neben einer herausfordernden Verpackungsindustrie unser wichtiges Klebstoffgeschäft. Im Markenartikelgeschäft wurde der Promotion-Druck immer größer, der Preiswettbewerb intensiver. Auch in Österreich spürten wir die Herausforderungen aus dem Industriegeschäft, wenngleich nicht so stark. Das Markenartikelgeschäft geriet durch den vermehrten Preiswettbewerb ebenfalls unter Druck. Insgesamt war es auch für Henkel Österreich ein schwieriges Jahr. Für 2020 bin ich allerdings optimistisch.

Welche Marken liefen besonders gut?
Es waren vor allem jene Marken erfolgreich, die die großen Trends Premium, Nachhaltigkeit und Convenience bedienen. Bei den Waschmitteln waren das etwa die Persil Discs, die den Convenience-Gedanken hervorheben. Aber auch die Persil Duo-Caps haben sich inklusive der gesamten Kategorie positiv entwickelt. Bei Beauty Care liefen Fa, Glem vital und auch Marken wie Barnängen oder Nature Box gut. Das Thema Nachhaltigkeit bekommt durch die aktuelle Verpackungs- und Plastikdiskussion einen großen Auftrieb. Die neue zertifizierte Naturkosmetikmarke N.A.E. Naturale Antica Erboristeria wird zu einer globalen Marke ausgebaut und stellt eine weitere Speerspitze in Sachen Nachhaltigkeit dar. Daneben agieren auch die Marken erfolgreich, die wir unter der Pro Nature-Linie laufen haben, wie etwa Blue Star, Pril oder Clin.

Wie will Henkel in Österreich künftig wachsen?
Eindeutig über Innovationen, die ein Premium für den Markt und damit ein Value-Wachstum in den Markt bringen. Die innovativen Persil Discs sind pro Waschladung teurer als ein Flüssigwaschmittel oder ein Pulver.

Wo liegen die großen Innovationsschwerpunkte?
Genau auf den angesprochenen Trends: Premium, Nachhaltigkeit, Convenience.

Ohne Nachhaltigkeit geht’s nicht mehr?
Wir haben uns zur Vermeidung und zu Ressourcen schonendem Umgang mit Verpackungsmaterialien verpflichtet mit dem Ziel, dass bis 2025 100 Prozent unserer Verpackungen aus wiederverwendbarem, recycelbarem oder kompostierbarem Material bestehen. Beim Anteil von Recyclingkunststoff in unseren Konsumgüter-Verpackungen liegt die Latte für 2025 bei 35 Prozent für Europa hoch. In Österreich haben wir im Rahmen der ECR-Initiative die Arbeitsgruppe Circular Packaging ins Leben gerufen, auch, um der Politik zu zeigen, dass wir die Verantwortung ernst nehmen. Daneben sind wir sehr stark an Projekten mit dem FH Campus Wien beteiligt, um Verpackungskreisläufe vor allem auch für Nicht-Lebensmittel-PET und Polyolefine, wie HDPE und PP, sicherzustellen.

Welche Rolle spielt die Verpackung heute mit Hinblick auf Nachhaltigkeit im Vergleich zu früher für den Erfolg als Marke?
In unserer R&D Abteilung sind in letzter Zeit viele Verpackungstechniker zum Team dazugestoßen. Die Verpackung per se ist aber kein Benefit, sie bietet keinen Primärnutzen. Benefit für ein Waschmittel wie Persil ist die bessere Waschleistung. Was sich aber geändert hat: Heute muss beispielsweise der Verschluss E-Commerce ready sein. Idealerweise sind die Produkte heute auch konzentrierter, damit Rohstoffeinsatz und Transportlogistik weiter optimiert werden können. Die Anforderungen sind gestiegen.

Wie reagiert Henkel darauf?
Wir haben bei Waschmittel europaweit größere Shopper Research Studies gemacht, um die Kundengruppen besser definieren zu können und drei pyramidal aufgebaute Typologien identifiziert. Für die größte Gruppe sind Hygienefaktoren das alles entscheidende Kaufkriterium. Die wollen im Nachhaltigkeitsbereich zum Beispiel recycelbares Verpackungsmaterial bei der gesamten Marke. Bei Silan etwa bieten wir bereits 50 Prozent Recyclinganteil in der Verpackung. Wir werden als Henkel unsere eigenen hohen Ziele nicht erreichen, wenn wir hier unsere Bemühungen nicht bei den Massenmarken unternehmen. Daneben haben wir einzelne Lighthouse-Projekte wie die Edition Nature Box Meeres Glück, wo die Recyclingquote bei der Verpackung 100 Prozent ausmacht und außerdem zur Hälfte Social Plastic eingesetzt wird. Als zweite Shopper-Gruppe haben wir die grünen Light Konsumenten definiert. Diese wollen zum Beispiel eine besonders nachhaltige Produktformulierung. Und dann gibt’s noch die sogenannten Öko Hardliner, für die beispielsweise verpackungsmäßig Refill-Stationen in Geschäften ein Thema sind.

Interspar testet gerade Abfüllstation. Dm ist schon länger aktiv. Wie schätzen Sie die Abfüllstationen im Handel ein?
Wir beobachten das. Für die dm Kundenzielgruppe passt das sicherlich sehr gut. Das funktioniert eher im urbanen Umfeld und ist nicht für alle Produktgruppen gleichermaßen geeignet. Es ist ein Unterschied, ob ich für Waschmittel fünf Kaufakte pro Jahr habe oder schnell Haarshampoos brauche. Ich sehe die Abfüllstationen eher als Lighthouse-Projekte.

Die nachhaltigen Packungen sind auch teurer. Gerade im preisgetriebenen WPR Segment schwierig.
Wir nehmen trotz des Preisdrucks höhere Kosten in Kauf, weil wir anders nicht unsere selbstgesteckten hohen Ziele erreichen können. Was mich aber als Industrie stört, ist, dass es für den Einsatz von Recyclingmaterial keine Entlastung gibt. Man zahlt dieselbe ARA-Abgabe. Hier wünsche ich mir ein Entgegenkommen seitens der Politik.

P&G verfolgt in Deutschland als Geschäftsmodell das Lizenzgeschäft. Auch für Henkel denkbar?
Wir wollen unser „Ökosystem“ Waschen im 360 Radius weiterentwickeln. Hier arbeiten wir mit Putzereien zusammen, das läuft unter dem Namen Persil Service gut. In Deutschland haben wir ein Pilotprojekt bei dm laufen, wo der Konsument die Wäsche im Geschäft abgeben und gereinigt wieder abholen kann. Generell ist es unser Ziel, das Thema Waschen gesamthaft zu besetzen.

Standort Wien: Investitionen?
2019 haben wir hier am Standort eine neue Maschine für Clin Glasreiniger in Betrieb genommen, auf der wir sowohl für Ost- als auch für Westeuropa produzieren. Das Investitionsaufkommen betrug rund vier Millionen Euro. Daneben haben wir einiges in Büros und Gebäude investiert. Pro Jahr fließen fünf bis zehn Millionen Euro in unsere Österreich-Standorte. Seit Jänner gehören – das betrifft unsere Industrieklebstoffe – auch die sehr modernen Sonderhoff-Standorte Dornbirn und Hörbranz zu uns.

Welche zentrale Frage würden Sie einem Bewerber stellen?
Was war die größte Challenge, die Sie gemeistert haben? Welche Misserfolge hatten Sie und was haben Sie daraus gelernt?

Was hat sich seit Ihrem Antritt als Henkel-Chefin bei der Förderung von ­Frauen im Unternehmen getan?
Wir arbeiten daran, unsere Frauenquote im Management weiter zu verbessern, derzeit kommen wir bei Henkel weltweit auf eine Quote von 35 Prozent. Das ist im Quervergleich ganz gut. Ich engagiere mich als Mentorin. Mit Jaroslava Haid-Jarkova haben wir seit Jänner aktuell eine neue Waschmittelchefin für Österreich. Wichtig ist es, Frauen in die Nachfolgeplanung rechtzeitig einzubeziehen, um kompetente Managerinnen rechtzeitig zur Verfügung zu haben. Die Frage lautet: Wer ist sofort, in drei Jahren oder fünf Jahren ready? Die schwierigste Phase für Managerinnen ist im Alter von 32 bis 37. Da wollen wir mit unserem Mentoring-Programm, insbesondere für die weiblichen High Potentials, ansetzen.

Was würden Sie machen, wenn Sie nicht diesen Job hätten?
Die Alternative im Studium wäre Lebensmittel- und Biotechnologie gewesen. Heute sähe ich mich im ­Bereich der Lehre gut aufgehoben.

Danke für das Gespräch.

Robert Falkinger