Bundesministerin Elisabeth Köstinger appelliert im großen REGAL-Exklusiv-Interview an Bauern und Händler

BM Köstinger im Exklusiv-Interview

  • Maßnahmenpaket mit 38 Milliarden Euro
  • 80 Prozent Selbstversorgungsgrad bei Grundnahrungsmitteln
  • Forderung an LEH: Wertschätzung und faire Preise

REGAL: Österreich befindet sich derzeit in einer extrem schwierigen Situation. Das Coronavirus erfordert einschneidende Maßnahmen. Was wollen Sie unseren Leserinnen und Lesern in diesem Zusammenhang mitgeben?
Köstinger: Im Namen von Bundeskanzler Sebastian Kurz und der gesamten Bundesregierung ein aufrichtiges „Danke” an alle, die unser Land mit Lebensmitteln versorgen. Bitte helft uns, gemeinsam durch diese Krise zu kommen. Unser Land braucht und dankt euch für eure tägliche Arbeit, besonders in dieser schwierigen Zeit.

Wie wird es mit der Wirtschaft weitergehen?
Wir befinden uns in einer absoluten Ausnahmesituation, es ist die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Gerade deshalb einmal ein großes „Danke“ an unsere Bäuerinnen und Bauern, Kassiererinnen und Kassierer, an alle Lagerarbeiterinnen und Lagerarbeit und an alle, die einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, dass wir jeden Tag frische Lebensmittel zur Verfügung haben. Ihr versorgt Österreich! Um das Wirtschaftssystem in Österreich aufrecht zu erhalten, und vor allem unsere kleinen, Kleinst- und Mittel-Betriebe zu unterstützen, hat Bundeskanzler Sebastian Kurz ein Maßnahmenpaket in der Höhe von 38 Milliarden Euro aufgestellt. Dieses Paket soll jenen Branchen Hilfe leisten, die komplett zusammengebrochen sind. Hier geht es um tausende Arbeitnehmer, die von heute auf morgen ihre Jobs und ihr Einkommen verloren haben. Meine dringende Bitte: Jetzt ist nicht die Zeit für Schuldzuweisungen und um offene Rechnungen zu begleichen. Wir sind in einer noch nie dagewesenen Ausnahmesituation. Und wir stehen erst am Beginn. Wir beobachten die Märkte und die Versorgung mit Lebensmitteln in Österreich ganz genau und werden nach Möglichkeit Maßnahmen treffen, um das Notwendigste abzufedern.

Gerade in diesen Zeiten spielt Nachhaltigkeit in der Lebensmittelwirtschaft eine wichtige Rolle. Wie ist Österreich aufgestellt?
Die aktuelle globale Situation zeigt auf, wie wichtig eine nachhaltige und funktionierende Lebensmittelwirtschaft ist. Österreich ist hier sehr gut aufgestellt. Der Selbstversorgungsgrad ist bei nahezu allen Grundnahrungsmitteln über 80 Prozent. Unsere Bäuerinnen und Bauern aber auch unsere Nahversorger, Bäcker, Fleischer etc. setzen alles daran, unser Land mit genügend Lebensmitteln zu versorgen.

In welchen Bereichen und mit welchen Maßnahmen sollten sich Bauern, Industrie und Handel verbessern?
Mir geht es vor allem um Wertschätzung. Wertschätzung gegenüber den Bäuerinnen und Bauern aber auch unserer kleinen Nahversorger im Ort. Sie leisten enormes und wenn wir die Wertschätzung gegenüber diesen Betrieben steigern, dann führt es meiner Meinung nach auch zu mehr Wertschöpfung in den Regionen und auf den Betrieben. Gerade jetzt zeigt sich, wie gut unser System funktioniert und das gilt es, nach der Krise weiter zu verbessern, damit wir auf nächste Krisen auch gut vorbereitet sind. Dazu gehört für mich auch eine flächendeckende Landwirtschaft in Österreich.

Frau Ministerin, was zeichnet die österreichischen Bauern besonders aus?
Sie leisten 365 Tage im Jahr ununterbrochen vollen Einsatz – auch körperlich. Die Landwirtschaft kennt keinen Urlaub und keinen Zeitausgleich. Bei dieser intensiven Bewirtschaftung sind sie teilweise unvorhersehbaren Wetterkapriolen ausgesetzt und immer von „Mutter Natur“ abhängig. Dabei bilden Sie unsere Lebensgrundlage und sind die „Versicherung unserer Ernährung“.  

Welchen Stellenwert haben Bergbauern? Welche Maßnahmen werden notwendig sein zu deren Erhalt?
Es geht nicht um Bergbauern oder Ackerbauern, Körndl- oder Hörndlbauern. Mir geht es um die flächendeckende Landwirtschaft in Österreich. Dazu brauchen wir alle Betriebsformen und eine Diversität in der Produktion. Das ist die Stärke unserer österreichischen Landwirtschaft und auf diese möchte ich weiter setzen. Aber zu den Bergbauern. Sie sind in Österreich ein wichtiger Bestandteil der Landwirtschaft, EU-weit gesehen, sind sie jedoch einzigartig. Kein EU-Mitgliedsland hat so viele Bergbauern und kleinstrukturierte Familienbetriebe wie Österreich. Diese Struktur hat einen enormen Stellenwert, denn die Bewirtschaftung unserer Berghänge erfolgt unter enormem Aufwand. Diese Betriebsform gilt es auch in Zukunft abzusichern, nicht zuletzt um die Versorgungssicherheit flächendeckend zu gewährleisten.

Wie sieht die Zukunft der biologischen Landwirtschaft aus?
In Österreich haben wir rund 24.000 Bio-Betriebe und sind damit Bio-Land Nummer eins in Europa. Die neue Bio-Verordnung bringt riesen Herausforderungen für unsere Bio-Betriebe mit sich. Für heuer gibt es noch eine Übergangsregelung, die bereits herausfordernd ist. Wir setzen auch hier alles daran, unsere Betriebe bestmöglich zu unterstützen, auch wenn das Coronavirus derzeit gerade unsere Arbeit bestimmt.

Mit welchen Schritten würden Sie auf den Handel zugehen, damit sich der Konflikt zwischen den Anliegen der Bauern und jenen des Handels entschärft?
Unser höchstes Ziel ist es derzeit, die Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln zu gewährleisten. Es braucht hier das Zusammenspiel von Landwirtschaft, Lebensmittelverarbeitern und Lebensmittelhandel. Gemeinsam werden wir alles dafür tun, dass die Lebensmittelversorgung in Österreich gesichert ist. Wir sind in einer noch nie dagewesenen Ausnahmesituation. Aber generell sehe ich in dieser schwierigen Situation für ganz Österreich auch eine Chance. Nämlich, gemeinsam die Wertschätzung für unsere heimische Qualitätsproduktion zu steigern und somit auch die Wertschöpfung nachhaltig zu verbessern.

Welches Entgegenkommen würden Sie sich dabei von den LEH-Konzernen erwarten?
Wie gesagt, mir geht es um Wertschätzung und, damit verbunden, um faire Preise.

Im Regierungsprogramm steht, dass Kulinarik, aber auch deren Export forciert werden soll. Wie soll die Bewältigung der oft langen Strecken auf nachhaltigem Weg umgesetzt werden?
Regionaler Konsum von Lebensmitteln, die in Österreich produziert werden, bedeutet mehr Wertschöpfung in den Regionen. Damit unterstützen wir die heimische Wirtschaft (Fleischer, Bäcker etc.) und gleichzeitig den Erhalt unserer bäuerlichen Familienbetriebe. Mit dem Netzwerk Kulinarik wollen wir diese regionalen Kreisläufe ankurbeln und unterstützen. Das wird auch in Zukunft notwendig sein und einen wichtigen Teil der Eigenversorgung mit Lebensmitteln ausmachen. Diese Qualitätsprodukte zu exportieren und damit einen Teil unseres Kulturgutes in andere Länder zu bringen, sehe ich als große Chance auch für den Tourismus.

Wie sehen die konkreten Pläne in Sachen Kennzeichnung von Lebensmitteln (auch in der Gastronomie) aus?
Gerade in Zeiten der Krise erkennt man, wie wichtig die Eigenversorgung mit gesunden, heimischen Lebensmitteln ist. Aber das ist nicht selbstverständlich. Wenn wir das auch in Zukunft gewährleisten wollen, müssen wir vermehrt auf heimische Lebensmittel auch abseits von Krisenzeiten bauen. Die Herkunftskennzeichnung ist hier ein Instrument, dass uns dabei helfen kann. Damit können wir das Bewusstsein gegenüber den Konsumentinnen und Konsumenten stärken. Im Regierungsprogramm ist eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung der Primärzutaten Milch, Fleisch und Eier in der Gemeinschaftsverpflegung und in verarbeiteten Lebensmitteln vorgesehen. Daran werden wir auch weiterarbeiten.

Konsumenten geben in Umfragen gerne an, regional, lokal und nachhaltig einzukaufen. Im Geschäft greifen sie dann oft doch zur billigeren Massenware. Wie kann man diesem Phänomen begegnen? Sind hier Kampagnen geplant?
Was es hier braucht, ist eine Kombination aus Bewusstseinsbildung, ebenso wie eine Vorbildwirkung der öffentlichen Hand. Die derzeitige Situation wird vielen Konsumentinnen und Konsumenten wahrscheinlich auch die Augen öffnen. Wir erleben einen regelrechten Boom der Direktvermarktung und das ist gut so. Parallel arbeiten wir aber auch mit dem Netzwerk Kulinarik an Maßnahmen, um regionale Wertschöpfung zu steigern.

Vielen Dank für Ihre Worte!

Verena Schneeweiß