Rewe-Vorstand Mag. Marcel Haraszti

Kurz vor der Krise schlug Rewe eine neue Linie in der Preispolitik ein. Vorstand Marcel Haraszti setzt dabei langfristig stärker auf Kurant-Preise.

Rewe: Kampf gegen Aktionitis

  • Aktionsanteile bei Merkur und Billa sinken
  • Kurant-Geschäft wächst stärker als der Markt
  • Haraszti gegen Österreich-Bonus

Knall-Effekt bei Rewe. Die Wiener Neudorfer drehen ihre Aktionsanteile zurück. „Es war immer eines meiner Ziele, die Aktionitis einzudämmen“, erklärt Rewe-Vorstandsdirektor Mag. Marcel Haraszti. Dementsprechend legt der Manager auch neue Zahlen auf den Tisch. Bei Merkur sank der Aktionsanteil um 1,8 Prozent. Bei Billa zeigt sich eine Abwärtstendenz von 0,6 Prozent. „Der restliche Handel hat im Gegensatz dazu die Aktionen um 0,9 Prozent gesteigert. Hier fahren wir gegen den Trend“, so Haraszti.

Kurant-Geschäft entwickelt sich gut. Die Strategie und der Fokus läge auf dem Kurant-Geschäft. „Wir sind dort bei Merkur um 3,4 Prozent und bei Billa um drei Prozent gewachsen. Der restliche LEH kann Steigerungsraten von 2,5 Prozent aufweisen.“ Ein Weg, der weiter beschritten werden soll: „Wir wollen unseren Aktionsüberblick weiter vereinfachen“, so Haraszti. Deshalb investieren die Wiener Neudorfer weiter in Dauerniedrigpreise. „Der Kunde will verlässlich niedrige Preise und keinen Aktionsdschungel.“ Das sei durch die Bündelung des Warengeschäfts möglich.

Zentral-Einkauf. Rewe setzt weiter klar auf Zentraleinkauf. „Das war 20 oder 30 Jahre anders. Seit 2017 setzen wir auf eine Bündelung in die Organisation ,Ware‘. Oder anders gesagt: Einkauf plus Category Management ergibt ,Ware‘.“ Diese Abteilung ist für die Beschaffung aller Artikel von Billa und Merkur zuständig.

Dabei ist das Category Management dafür verantwortlich, modulare Warengruppen-Regale für alle Geschäftstypen vom kleinsten Billa-Markt mit 300 m2 bis zu einem Merkur-Jumbo von 2.500 m2 zu bauen. „Früher musste der Lieferant zu Billa laufen, dann zu Merkur und schließlich zur ,Ware‘.“

Die neuen Abläufe sind andere und stark vereinfacht: „Jetzt geht der Lieferant nur mehr zur ,Ware‘.“ Zu den Anmerkungen, dass die Abläufe noch keine Zeitersparnis bringen, sagt Haraszti: „Wir sind ein Riesen-Tanker, eine riesige Organisation. Wir sind viel schneller, nicht nur gefühlt, sondern auch messbarer durch die Bündelung. Bei einem Tanker ist es sowieso wichtig, dass es in die richtige Richtung geht, dann erhöht sich die Geschwindigkeit auch Schritt für Schritt.“

Eurelec. Die Zuständigkeit des Zentraleinkaufs sei klar. „Wenn ich in Österreich ein Produkt gelistet haben will, dann muss ich nach Wiener Neudorf und nicht nach Köln oder Brüssel. Wir sind ein selbstständiger österreichischer Einkauf und alle Listungs-Entscheidungen werden auch hier getroffen.“ Bei der Einkaufsgesellschaft Eurelec werden nur „eine Handvoll internationaler Großkonzerne verhandelt. 99 Prozent der Lieferanten kommen nach Wiener Neudorf.“ Eine Bündelung mache sonst nur „bei ausgewählten Eigenmarken“ Sinn.

Nachbesetzung. Personell wird die Ware-Organisationen aktuell von Alfred Propst geführt. Josef Siess muss sich aus gesundheitlichen Gründen derzeit eine Auszeit nehmen. „Wir sind aber in einem sehr guten Kontakt.“ Den vakanten Rewe-Vorstandsposten Ware werde die Rewe mit aller Bedacht nachbesetzen.

Fluktuation. Kritik an der hohen Fluktuation in der „Ware“-Organisation pariert Haraszti: „Wir haben hier hohe Ansprüche. Dazu müssen sich einige Gruppen erst stabilisieren, das ist bei einer neuen Organisation so. Wir arbeiten hier sehr intensiv an Aus- und Weiterbildungsprogrammen.“

Mangelnde Kompetenz und Effizienz der Abteilung lässt Haraszti nicht gelten: „Junge Leute sind vielleicht dynamischer und fordern mehr.“ Das komme bei Lieferanten nicht immer gut an. Dazu merkt der Vorstand an: „Wir brauchen mehr Innovationen. Es geht uns darum, den Kunden einen Gefallen zu tun und nicht den Lieferanten. Wir bekommen eine Reihe von Produkten, die wir überhaupt nicht brauchen.“

Entwicklung von Billa, Merkur und Penny. Umsatzmäßig zeigt die Kurve aber generell nach oben. „Wir legen bei allen unseren Vertriebsschienen zu.“ Auch der Stammkunden-Anteil und Frequenzen sind bei Billa und Merkur gestiegen. „Unsere Marge steigt nicht. Wir haben in unsere Kurantpreise investiert.“ Dazu läuft auch das Diskont-Geschäft gut. „Penny hat ein sehr erfolgreiches Jahr 2019 hinter sich gebracht.“ Auch die Jö-Karte habe dazu beigetragen, dass es bei Billa, Merkur und Bipa eine positive Kundenfrequenz gibt. Insgesamt kletterte die Anzahl der Multipartner-Karte auf 3,8 Millionen Mitglieder.

Landwirtschaft. Die Forderung der Landwirtschaftskammer, Regionalboni pro Liter Milch, Butter oder Käse einzuheben, lehnt Haraszti ab. „In dieser Frage steht der Handel zwischen den Forderungen der Arbeiterkammer und der Landwirtschaftskammer. Wir können es beiden nicht Recht machen. Die Wertschöpfungsketten sind lang, wir wollen, dass das Geld bei den bäuerlichen Familien ankommt.“

Dementsprechend setzt die Rewe auf langfristige Partnerschaften, Beispiel: Frisch­fleisch-Offensive: „Wir bieten bei Billa künftig nur mehr österreichisches Frischfleisch bei Schwein, Rind, aber auch Geflügel und Pute an. Das wird im zweiten Quartal der Fall sein. Und nur für Billa, will es nicht genug Mengen für alle Vertriebsschienen gibt.“ Nachsatz: „Dort, wo AMA-Gütesiegel möglich ist, setzen wir darauf.“

Darüber hinaus möchte Haraszti den Weg Richtung Regonalität weitergehen. „Wir wollen hier weiter lokale Lieferanten fördern. Das wird unsere Aufgabe sein, dass es weiter ohne Probleme möglich ist, dass ein Betrieb auch nur fünf, sechs Standorte beliefert. Es muss interessant sein, was sich im Umfeld von 30 Kilometern rund um die Filiale abspielt. Lokale Fleischhauer haben da zum Beispiel sehr gute Effekte.“

Bedeutung des LEHs an Wertschöpfungsketten. Haraszti rückt auch die Bedeutung des Handels in der Wertschöpfungskette zurecht. „Der LEH hält zusammen mit der Nahrungsmittelindustrie nur einen Anteil von 30 Prozent an der Wertschöpfungskette.“ Im Molkerei-Bereich wird der Rewe-Chef noch detaillierter: „Der LEH nimmt 25 Prozent der österreichischen Milch-Produktion ab. Auf die Rewe entfällt insgesamt zehn Prozent. 60 Prozent gehen davon in den Export. Damit wird klar, dass wir nicht alle Probleme der Landwirtschaft lösen können. Wir arbeiten auf Augenhöhe und Partnerschaft.“

Das klassische und propagierte Bild zwischen der Landwirtschaft als David und dem Handel als Goliath stimme nicht. „Wir hatten auch keine Unruhe und keine Demos. Es gab nie eine Situation, wo wir uns gemeinsam nicht an einen Tisch setzen konnten.“ Direkte Kontakte mit der Landwirtschaft halten sich laut dem Vorstandsdirektor im Tagesgeschäft aber in Grenzen. „Wir haben 900 Direktlieferanten für die Regional-Meter und arbeiten darüber hinaus meist über die Molkerei-Genossenschaften und Fleisch- und Wurstwaren-Industrie zusammen.“

Kennzeichnung. Zur Kennzeichnungspflicht hält Haraszti fest: „Wir sind im LEH da schon wesentlich weiter als die Gastronomie. Zieht dieser Bereich nach, dann gibt es mit Sicherheit positive Effekte für die Landwirtschaft.“

Herbert Schneeweiß