Interspar-Chef Mag. Markus Kaser

Interspar: Großes Interview mit Mag. Kaser

  • Expansions-Offensive zum 50er
  • 90 Millionen Euro Invest im Jahr 2020
  • Jumbo in Alt-Erlaa wieder am Netz

REGAL: Klopapier-Berge, Dutzende Nudelpackungen und Konserven-Türme in den Einkaufswägen: Hat es bei Interspar Versorgungsengpässe gegeben?
Kaser: Wenn jemand bei uns Reis, Mehl oder Nudeln einkaufen wollte, hat er das auch bekommen. Man konnte dann vielleicht statt aus 25 Sorten punktuell nur aus 19 wählen. Das ist ein großer Vorteil, wenn man ein so breites und tiefes Sortiment hat. Bei einzelnen Produkten gab es zwar kurzfristige Ausverkaufssituationen, aber keine echten Engpässe. Wir garantieren unserer Kundschaft Nahversorgung in allen Lebenslagen. Das ist keine leere Floskel, wie wir unter Beweis gestellt haben.

Frischhefe wurde ein rares Gut?
Ja, bei Frischhefe gab es ein Lieferproblem, das hatte produktionstechnische Gründe, aber auch die haben wir mittlerweile wieder in den Regalen.

Wie geht es Interspar in dieser „neuen“ Normalität?
Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation, die wir nur gemeinsam meistern können. Das Wochenende rund um den 13. März war aufgrund der vielen Großeinkäufe natürlich sehr fordernd. Unsere Mitarbeiter im Verkauf, auf den Flächen haben Großartiges geleistet und tun das nach wie vor. In der Zentrale folgen wir auch den Vorgaben der Bundesregierung und haben rund 60 Prozent der Belegschaft im Home Office.

Sie sprechen Ihre Mitarbeiter an: Interspar verfügt über 54 Interspar- und sechs Maximarkt-Restaurants und 14 Café Cappuccinos, die im Zuge der Corona-Krise ebenfalls geschlossen werden mussten.
Natürlich ist auch die Gastronomie ein wichtiger Faktor für uns. Wir dürfen aber nicht wirklich jammern, weil es andere Branchen gibt und Gastro-Kollegen, die noch viel extremer unter der Situation leiden und echte existenzielle Schwierigkeiten und Sorgen haben. Wir haben versucht, die Mitarbeiter – wo es möglich war – in den Feinkost-Abteilungen einzusetzen, weil sie an Kundenkontakt gewöhnt sind. Das hat gut funktioniert! Nur wo das nicht möglich war, haben wir auf Kurzarbeit gesetzt. Wir haben gut balanciert und geschaut, dass wir so wenig wie möglich unnötige Kosten und Aufwände erzeugen. Wobei die Kosten für uns dennoch enorm sind.

Welche Maßnahmen werden am POS umgesetzt?
Wir desinfizieren für jeden Kunden vor dem Einkauf den Einkaufswagen oder den Einkaufskorb, haben Plexiglaswände an den Kassen montiert, die Böden mit Beklebungen versehen, die zum Abstandhalten auffordern, bringen zusätzlich regelmäßige Marktdurchsagen, die die Kundschaft an das Abstandhalten erinnern, versorgen unsere Mitarbeiter mit genügend Desinfektionsmittel und, und, und. Diese Maßnahmen kosten eine Menge Geld, aber die Situation fordert diese Investitionen.

Was wird nach der Corona-Krise bleiben?
Was auf jeden Fall zu bemerken ist, dass Kunden das One-stop-Shopping schätzen. Ein Einkauf bei Interspar bedeutet kurze Wege und alles unter einem Dach zu finden – und das wird in Zukunft noch wichtiger sein. Das ist der höchste Grad an Einkaufs-Convenience, den man bieten kann. Ich sehe deshalb Interspar als eines der Erfolgsverkaufskonzepte der Zukunft. Kein anderes Ladenkonzept vereint diese Vorzüge. Unsere Kunden sind dankbar, dass sie bei uns beispielswiese eine Druckerpatrone bekommen und nicht online bestellen müssen. Leider ist es ja nach wie vor so, dass der Großteil des außer-stationären Umsatzes, ja mehr als 95 Prozent an irgendwelche Online-Riesen im Ausland gehen, die weder Steuern noch irgendwelche andere Abgaben in Österreich entrichten. Das ist generell ein Riesen-Thema und für uns sicherlich gut, dass die Konsumenten bemerken, dass sie viele dieser Artikel bei Interspar bekommen.

Das hat sich auch bei der Nachfrage bemerkbar gemacht?
Ja, aktuell ist es so, dass Nähzeug und Druckerpatronen wie verrückt gekauft werden. Haarföhn, Toaster, Mixer gehen ebenfalls verstärkt.

Werden es im Corona-Eindruck neue Produkte in die Regale schaffen?
Bei den Leuten wird im Alltag in den nächsten Monaten und Jahren die Hygiene einen ganz anderen Stellenwert bekommen. Hygiene im Sinne von Desinfektionsseifen, Handdesinfektionsmitteln, aber auch Handschuhe aus Vinyl oder Latex sowie auch Mundmasken und -schutz. Ich kann mir gut vorstellen, aber das ist eine Hypothese von mir, dass Reisen künftig nur mit Mundschutz passieren dürfen. Mundschutz wird eine ähnliche Rolle bekommen wie andere Hygiene-Artikel.

Ist da auch der Absender Österreich gefragt?
In jedem Fall. Wir kaufen zum Beispiel Desinfektionsmittel bei der Destillerie Freihof in Vorarlberg ein, die haben blitzschnell umgestellt und liefern uns wirklich auch aufbereitetes Desinfektionsmittel.

Und Regionalität?
Die wird immer wichtiger. Das wird auch nach der Corona-Krise bleiben. Das fällt jetzt schon auf. Wir Österreicher können uns de facto auf einem hohen Niveau sehr gut selbst versorgen. Wir sind hier nicht so aufgestellt wie andere Volkswirtschaften, die bei Lebensmitteln massiv vom Ausland abhängig sind. Darüber hinaus haben wir zahlreiche regionale und lokale Spezialitäten, da sind wir gesegnet, wenn wir das mit anderen Ländern vergleichen. Die Unterstützung für regionale und lokale Anbieter ist gerade notwendiger denn je, da die Gastronomie als Absatzkanal für viele Wochen wegfällt. Mit unserer großen Lokalitätsinitiative „Von dahoam das Beste!“ bieten wir ja seit zehn Jahren lokale Klein- und Kleinstbetrieben Verkaufsflächen in unseren Märkten. Aktuell werden wir laufend von neuen Betrieben kontaktiert – wir helfen hier schnell und unkompliziert. So verkauft zum Beispiel eine lokale Biokäserei aus dem Salzburger Land aktuell ihren Sauerkäse in den Interspar-Hypermärkten in Salzburg oder die Gärtnerei direkt neben unserem Hypermarkt in Imst, beliefert beispielsweisen nun auch diesen Standort mit Salatpflanzen.

Was wird in Sachen Ladenbau ­bleiben?
Wie wir die Plexigläser installiert haben, so können sie auch nach der Krise bleiben. Das ist für uns keine Beeinträchtigung, im Gegenteil, es ist für die Kassiererin heute, morgen und übermorgen ein angenehmer Schutz. Ich kann mir schon vorstellen, dass so etwas bleibt. Bei den Bodenkleber wiederum denke ich nicht, dass sie bleiben.

Hat das Online-Geschäft den derzeitigen Stress-Test ausgehalten?
Das Onlinegeschäft läuft sehr gut – besonders im Non-Food-Bereich. Wir werden unsere Kapazitäten ausbauen, damit wir noch mehr anbieten und die aktuelle Nachfrage stillen können. Wir sind derzeit voll ausgelastet. Im Frischebereich ist der Zug auf die Märkte aber ungebrochen.

Sie haben zuletzt von einem Beschaffungsvolumen von rund 160 Millionen Euro (netto/netto) gesprochen, das vor allem von Fernost gesourct wird. Haben diese Kontakte in Zeiten der Corona-Krise geholfen?
Ja. Wir haben alles über bestehende Lieferanten abgewickelt, die haben uns da sehr unterstützt. Da haben wir sehr profitiert von den direkten Sourcing-Quellen. Das Auftreiben der Masken wäre in China schon gegangen, aber danach gab es natürlich auch Transport-Fragen zu klären. Wir hatten schon vorhandene Transport-Kapazitäten, die wir für die benötigte Schutzausrüstung umgeswitcht haben.

Nach dem Blick auf die aktuelle Situation, ein Blick zurück: Wie sind Sie mit dem Jahr 2019 zufrieden?
2019 haben wir uns sehr gut und in der gleichen Größenordnung wie die anderen Vertriebsschienen entwickelt, also deutlich über der Branche.

2020 feiert Interspar den 50. Geburtstag. Mit einer Expansions-Offensive?
Wir haben sehr viel vor. Das Projekt in der Wiener Breitenfurter Straße wollen wir in den nächsten vier bis acht Wochen realisieren. Hier konnten aufgrund der Krise einige Übergaben und Abnahmen von Behörden nicht wie geplant stattfinden, auch einige Baufirmen konnten nicht arbeiten. Das spüren wir natürlich, aber können die Verzögerung gut aufholen. Die Eröffnung in Bregenz wird noch im Sommer, vor den Ferien, sein. In Linz sollte es auch im Sommer klappen. In Nußdorf-Debant bei Lienz werden wir im Spätherbst aufsperren. Da hatten wir natürlich durch die in Tirol verhängte Quarantäne ein Problem, weil die Orte nicht verlassen werden durften. In Braunau haben wir dagegen ganz wenig Verzug und freuen uns auf den Standort, weil wir hier in deutscher Grenznähe sind. Ein besonderes Highlight wird der neue Interspar-Standort in der Schottengasse im Gebäude der ehemaligen Creditanstalt/Bank Austria. Wir hoffen, dass wir diesen außergewöhnlichen Standort noch heuer aufsperren können, mit einem tollen Restaurant und einer integrierten Market-Kitchen. Und gerade jetzt beginnen wir den Neubau in Perg. Das sind allesamt wichtige Projekte für uns.

Wie hoch wird das Investitionsvolumen sein?
Wir werden bei rund 90 Millionen Euro liegen.

Und wie sind Sie mit der Performance der letzten Interspar-Eröffnungen zufrieden?
Alle Eröffnungen, die wir in den letzten sechs, sieben Jahren gemacht haben, laufen mittlerweile sehr gut. Wir haben hier nichts falsch investiert.

Das aktuelle Highlight ist der Umbau des Standorts in Alt-Erlaa?
Der Interspar-Standort in Alt-Erlaa wurde 1998 eröffnet. Das ist bereits 22 Jahre her. Sie können sich daher vorstellen, dass der Hypermarkt schon etwas in die Jahre bekommen ist. Daher haben wir uns entschieden, ihn auf den neuesten Stand zu bringen und auf rund 3.600 m2 Verkaufsfläche und 50.000 Artikel zu vergrößern. Das ist uns wirklich gelungen. Darauf bin ich wirklich stolz. Neben unserem Markt wurde das gesamte Center Alt-Erlaa modernisiert. Gemeinsam mit dem Center-Betreiber LLB Immo KG haben wir 20 Millionen Euro in den Standort investiert. Für die Kunden wurden sowohl die Tiefgarage als auch die Freiparkplätze komplett neu konzipiert. Wir haben dort ein traumhaftes Parkplatzangebot – 360 Parkplätze stehen bereit. Und der komplett neu gestaltete Zugang direkt auf Höhe der U-Bahn-Haltestelle Alt-Erlaa der U6 macht das Ankommen mit öffentlichen Verkehrsmitteln auch sehr komfortabel. Wir haben überhaupt die Sichtbarkeit deutlich erhöht, etwa mit einer Acht-Meter-Pforte als echtes Signal. Die Erreichbarkeit mit Individualverkehr und öffentlichen Verkehrsmitteln ist hier ebenfalls genial. Das ist mit Sicherheit auf Sicht das attraktivste Zentrum in Wien 23, um schnell und bequem einkaufen gehen zu können.

Sind neue Ladenbau-Varianten zum Einsatz gekommen?
Was wir zum ersten Mal bei einer Eröffnung gemacht haben, ist die Market Kitchen. Das ist eine Take-Away-Küche, wo die Leute aus dem Rotisserie-Bereich Schnitzel, Fleischlaiberl, Kartoffelprodukte, aber auch richtig gesunde Gerichte wie Woks, Bowls und Suppen mit nach Hause nehmen können. Alle Produkte werden vor Ort wirklich frisch zubereitet. Das ist die erste Umsetzung in dieser Form in Wien, in Bregenz gibt es dann eine zweite Realisierung. Das läuft schon sehr, sehr gut. Das ersetzt aber nicht das große Interspar-Restaurant, sondern ist als Ergänzung gedacht. Wir werden uns anschauen, wie sich die beiden Dinge nebeneinander entwickeln. Die ersten Tage sind vielversprechend.

Auch das Zoning wurde verändert?
Ein Highlight ist hier sicher die Verschmelzung des Lebensraums „Küche & Haushalt“ mit dem Frischemarktplatz – diese ganz spezielle Fusionszone zwischen Food und Non-Food ist komplett neu. Unser Angebot an Pfannen, Töpfen und weiteren Küchenutensilien ist nun in unseren Frischemarktplatz integriert. Wir verbinden damit den Lebensmitteleinkauf mit unseren Non-Food-Warenwelten. Das fühlt sich an wie auf einem italienischen Markt. So hat man die passende Grillzange zum Kotelett und das Grillbaguette quasi in Griffweite.

Ist diese Umsetzung auch in anderen Standorten nachrüstbar?
Es würde funktionieren, aber es wäre ein großer Umbau und Aufwand notwendig. Ich schließe es trotzdem langfristig nicht aus. Bei den neuen Standorten denken wir das neue Konzept aber auf jeden Fall mit.

Multifunktionalität war bei Interspar stets ein wichtiger Eckpfeiler.
Ja, wir wollen flexibel, schön, aber auch multifunktional sein und keine Paläste bauen. Das ist unser Credo. Und so haben wir das auch bei der Market-Kitchen gehandhabt. Wir haben dort Regale eingesetzt, die schnell von einem Kühl-Regal in herkömmliche Regal-Teile umfunktioniert werden können und die auch unterschiedlichste ­Präsentationsmöglichkeiten offen lässt.

Neu ist auch die Zusammenarbeit mit Paul&Ernst?
Wir haben einen Ableger der Market Kitchen mit Hilfe von Street-Food-Bikes der Firma Paul&Ernst mobiler gemacht. So können wir sie überall im Markt oder auch vor dem Standort aufbauen. Dieses Bike könnten wir auch in andere Geschäfte transferieren, zum Beispiel nach Bruck an der Leitha, wo wir aus Platzgründen kein Restaurant integrieren konnten.

Gibt es weitere Sortimentsneuheiten?
Beispielweise wurde auch die Abteilung „Beauty und Pflege“ komplett überarbeitet und übersichtlich strukturiert. Es gibt ein eigenes „Männeregal“, neue Gondelköpfe und ein Spezialsortiment.

Wer waren die wesentlichsten ­Partner?
Beim Umbau haben wir auf bewährte Partner, wie das Architekturbüro Kulmus und Bügelmayer gesetzt sowie regionale Firmen beauftragt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Herbert Schneeweiß