Nikolaus Huber, Geschäftsführer Unilever Austria

Huber: „Müssen Lust am Einkaufen wieder steigern!“

Unilever: Die neuen Pläne

Nikolaus Huber, Geschäftsführer Unilever Austria, im REGAL-Gespräch: „Es ist die gemeinsame Aufgabe von Industrie und Handel, Marken & Produkte zu launchen, zu inszenieren und damit die Lust am Einkauf wieder zu steigern“. Zudem baut Unilever sein Wasch-, Putz- und Reinigungsmittel-Geschäft radikal um und verbannt fossile Brennstoffe aus allen Marken. Bis 2030 investiert deshalb der Konsum­güter­konzern eine Milliarde Euro.

REGAL: Wie ist die aktuelle Entwicklung im Corona Jahr 2020?
Huber: Unabhängig von Corona sind wir mit einem hohen einstelligen Wachstum sehr stark ins Jahr 2020 gestartet. Treiber hierfür war unser diesmal besonders starkes Neuheitenprogramm, das bereits im Februar ausgerollt wurde. Knorr Innovationen haben den wachsenden Snacking-Markt bedient, unser Eis-Neuheiten-Programm war wie jedes Jahr sehr attraktiv und wir hatten erfolgreiche Beauty & Personal Care Launches bei Axe und Dove. Dann kam Corona. Im März verzeichneten wir durch die Hamsterkäufe insbesondere bei Knorr das doppelte Volumen gegenüber dem Vorjahr.

Wie hat sich das Konsumentenverhalten in den Kategorien noch geändert?
Mit dem zweiten Quartal wurden dann unterschiedliche Auswirkungen der Pandemie im Konsumenten­verhalten sichtbar. Der In-Home Lebensmittelkonsum ist nach wie vor durch Kurzarbeit, Home-Office und den Einschränkungen in der Gastronomie sehr hoch. Der Away-from Home Lebensmittelkonsum ist durchwachsen: Die schwache Tourismussaison mit einem Minus von 30 Prozent bei den Nächtigungen national und einem Minus von 80 Prozent in Wien spüren wir auch stark in unserem Food Solutions-Geschäft. Unser Eisgeschäft zum Beispiel in Bädern hatte natürlich einen schwierigen Start, konnte aber nach dem Lockdown im Sommer stark punkten. Hier haben sich unsere Qualitäten in der Marktbearbeitung mit unseren Vertriebspartnern und die Kundennähe bei den Tourismus- und Freizeitbetrieben sehr deutlich gezeigt. Aber auch da ergibt sich in Summe ein durchwachseneres Bild: Bäder konnten aufholen, Tankstellen waren und sind sehr stark, Gastronomie und Hotellerie stehen unter einem immensen Druck. Im LEH verzeichneten wir bei Eis ein hohes zweistelliges Plus.

Und in den NonFood Segmenten?
Das Verhalten in der Körperpflege ändert sich. Aufgrund der Corona-Krise und besonders in der Anfangsphase des Lockdowns haben wir einen Rückgang von Produkten gesehen, die in Verbindung mit „sozialer Hygiene“ stehen. Die Menschen interagieren weniger miteinander, gehen weniger aus und halten Distanz. Das hat Auswirkungen auf Kategorien wie zum Beispiel Deo. Der Hygiene-Bereich ist aus unserer Sicht ein Thema, das auch nach Corona relevant bleiben wird. Dies gilt sowohl für die persönliche Hygiene als auch die des direkten Lebensumfelds. Auch hat Covid-19 zu einer erhöhten Nachfrage geführt, die sich über das ganze Reinigungssegment erstreckt. Die Nachfrage nach Produkten mit Fokus auf Hygiene ist in den vergangenen Monaten gestiegen. Davon profitieren vor allem Hygiene-Reiniger und -Tücher. Insgesamt verbringen die Menschen mehr Zeit zu Hause, wodurch das eigene Heim für viele zum Lebensmittelpunkt geworden ist. Das Bedürfnis, sich zu Hause wohl zu fühlen, hat noch mehr an Bedeutung gewonnen.

Corona als neuer Wettbewerbsfaktor auch am POS. Haben sich Digitalabsätze erhöht?
Die Digitalabsätze haben sich klarerweise erhöht, vor allem bei den Pure Playern wie etwa Amazon. Die Grundfrage, der wir uns als Industrie und Handel gemeinsam stellen müssen, ist: „Wie schaffen wir wieder mehr Lust am Einkauf?“ Der Einkauf aufgrund der Pandemie war und ist häufig mehr Pflicht als Spaß und ist vielfach zum reinen Bedarfsdeckungseinkauf mutiert. Menschen halten voneinander Abstand und das führt zu einer kürzeren Verweildauer am Regal. Es wird weniger gustiert, gerochen, probiert. Die Maske hemmt, das wirkt sich auf den Impulskauf und den Sofortverzehr aus. Es ist daher die gemein­same Aufgabe von Industrie und Handel, Marken & Produkte zu launchen und zu inszenieren, die Lust aufs Probieren machen. Insgesamt müssen wir die Lust am Einkauf wieder steigern. Inspiration für das Kochen spielt eine große Rolle. Impulseffekte, Saisonplatzierungen, Flugblatthinweise sind wichtige Denkanstöße. Unilever ist hier ein verlässlicher Partner. Denn wir bieten starke, integre und vor allem emotional geladene Marken sowie laufend neue Konzepte und echte Innovationsführerschaft. Mit Twinni/Twinna oder Cremissimo haben wir beispiels­weise starke regionale und emotional hoch auf­geladene Marken.

Hat Corona die Innovationstätigkeit und die Werbung gebremst?.
Nein, ganz und gar nicht. Wir haben unser Innovationsprogramm für 2020 voll durchgezogen und darüber hinaus auch noch sehr agil angepasst. Die Werbung haben wir sehr smart gemanagt und stark auf die geänderte Mediennutzung angepasst. Smart Devices (Digital) und TV waren in der Zeit des Lockdowns und auch danach die großen Gewinner. Die in Österreich traditionell starke Plakat-Werbung hat in dieser Phase der Ausgangsbeschränkungen und auch in Zeiten von mehr Home-Office beziehungsweise Aufenthalt in den eigenen vier Wänden natürlich vor­übergehend an Werbewirkung verloren. In Summe sind wir mit einem gegenüber dem Vorjahr deutlich gesteigerten Werbeetat in die zweite Jahreshälfte gegangen.

Gibt es auch Corona-resistente Trends?
Von der Corona-Krise unbeeinträchtigt bleiben langfristige Trends wie Regionalität in Geschmack und Markenpositionierung, natürliche Inhaltsstoffe sowie auch das Thema Recycling & Nachhaltigkeit. Corona ändert viel, aber Corona ändert nicht alles. Grundthemen bleiben, Teams, Talente, Agilität machen den Unterschied. Marken und Produkte, die begeistern, punkten. Unilever ist Innovations­treiber in all seinen Kategorien von Eis bis zur Körperpflege. Und genau das hat uns als Organisation diese herausfordernde Zeit bis jetzt auch recht gut überstehen lassen.

Wie entwickelt Unilever den Nachhaltigkeitsgedanken weiter?
Nach zehn Jahren Unilever Sustainable Living Plan setzen wir immer noch Meilensteine in der Branche. Die Nachfrage nach unseren Putz- und Reinigungsmitteln war in den letzten Monaten beispiellos. Mein Team und ich sind sehr stolz darauf, mit unseren Marken einen Beitrag zur Sicherheit in Zeiten von Covid-19 zu leisten. Aber auch der Klimawandel macht keine Pause. Daher baut Unilever auch das Geschäft hier in Österreich radikal um. Unsere Vision: Die Kategorie der Wasch-, Putz- und Reinigungsmittel soll künftig komplett ohne Chemi­kalien auf Basis fossiler Brennstoffe auskommen. Die meisten der marktüblichen Wasch-, Putz- und Reinigungsmittel, die wir täglich benutzen, wirken sich negativ auf unser Klima aus. Sie enthalten Inhaltsstoffe, die auf Basis fossiler Kohlenstoffquellen wie Erdöl gewonnen werden, und das seit Jahrzehnten. Diese Inhaltsstoffe, über den gesamten Produktlebenszyklus betrachtet, machen den Großteil des CO2-Fußabdruckes aus. Bei Unilever sind es 46 Prozent! Ziel unseres neuen Innovationsprogrammes ist es daher, den Kohlenstoffverbrauch aus nicht erneuerbaren Quellen für alle Marken auf null herunterzufahren.

Wie soll das gelingen?
Den Ansatz, mit dem wir unser – bis vor wenigen Jahren noch unvorstellbares – Ziel erreichen wollen, nennen wir den „Carbon Rainbow“. Damit wollen wir Kohlenstoffquellen für Produkte diversifizieren und nicht erneuerbare (auch bekannt als schwarzer Kohlenstoff) durch andere, umweltfreundliche Kohlenstoffquellen ersetzen. Genutzt werden sollen dabei aus der Luft isoliertes CO2 (violett), Kohlenstoff aus Pflanzen und Pflanzenextrakten (grün), Kohlenstoff aus Meeres­algen (blau) und sogar Kohlenstoff, der aus Plastikmüll und anderem Abfall (grau) stammt. Der Kohlenstoff-Regenbogen soll auch andere Unternehmen dazu ermutigen, ihre Produktion vollständig auf Rohstoffe aus erneuerbaren oder recycelten Kohlenstoffquellen umzustellen. Unilever investiert hierfür bis 2030 insgesamt eine Milliarde Euro in Forschung & Entwicklung.

Wie sieht „Clean Future“ bei den Marken aktuell in Österreich aus?
„Clean Future“ hat bereits zahlreiche Markteinführungen oder Relaunches in Deutschland, Österreich und der Schweiz inspiriert. Der Cif Nachfüller zum Beispiel ist eine Verpackungsrevolution auf dem Markt, denn er kommt mit 75 Prozent weniger Kunststoff aus als eine neue Sprühflasche. Das Cif Kraft & Glanz Badspray enthält 100 Prozent Kalklösekraft natürlichen Ursprungs. Die Flaschen der Weichspülermarke Comfort bestehen bereits heute aus 100 Prozent recyceltem Kunststoff. Unsere Marken, die eine nachhaltige Lebensweise unterstützen, standen 2019 global für 78 Prozent unseres Wachstums sowie 75 Prozent unseres Umsatzes.

Wie schätzt man die Kaufkraft hinsichtlich steigender Unsicherheit beim Konsumenten (Arbeitslosigkeit) ein?
Hohe Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit und in Summe ein pessimistisches wirtschaftliches Klima haben immer Auswirkung auf die Kaufkraft. Das geht an keiner Branche spurlos vorüber. Aber es geht genauso um Optimismus und Zuversicht, die Lust am Einkaufen wieder zurück zu bringen. Es müssen ja nicht immer die großen Dinge sein. Auch der „kleine“ Einkauf soll und darf Spaß machen. Daran wollen und sollten wir alle gemeinsam arbeiten!

Danke für das Gespräch.

Robert ­Falkinger