Rewe-Vorstand Mag. Marcel Haraszti

Rewe senkt Aktions-Anteile

  • Eigenmarken mit starker Performance, Ja! Natürlich schreibt Plus von zehn Prozent
  • Aktionsanteil bleibt im Sinkflug, das Ziel liegt bei 25 Prozent
  • Online-Kapazitäten werden 2021 um weitere 80 Prozent aufgestockt

Unbeeindruckt, akribisch und zielorientiert treibt Rewe-Vorstand Mag. Marcel Haraszti den Umbau des Konzerns in Wiener Neudorf voran. Kein großer Blick auf Marktanteile stattdessen ein leichter Rückzug vom Aktions-Geschäft. Seit 2017 zimmert der Verantwortliche für das Österreich-Geschäft von Billa, Merkur, Adeg und Bipa an einer zukunftsfitten Aufstellung des Handelskonzerns.

Aktionsanteile weiter reduziert. Der Verlust der Nummer 1-Rolle nimmt Haraszti als Randnotiz zur Kenntnis. „Wir wollten die Krise nicht ausnutzen. Die Rewe steht für kaufmännische Haltung, Mut und Unabhängigkeit“, so der Vorstand im Zuge der MMM-Tagung (Gewinn). Während der Krise wurden die Aktionen zurückgefahren: „Wir wollten keine kreischenden Maßnahmen im Laufe der Pandemie setzen. Das hat uns den einen oder anderen Schnäppchenjäger vergrämt, Marktanteile gekostet, aber die Stammkunden-Anteile nach oben gebracht.“ Aktuell liege der gesamte Handel bei einem Aktionsanteil von 35 und 40 Prozent. „Wir sind sukzes­sive heruntergegangen, der Mitbewerb hat zugelegt. Gesund wäre ein Aktionsanteil in der Richtung von 25 Prozent“, so der Rewe- Vorstand weiter.

Lockdown. Konsequent will Haraszti den Weg weitergehen: „Wir halten uns an Verordnungen und verkauften während des zweiten Lockdowns keine TV-Geräte, Spielwaren oder Elektrogeräte“, betont der Rewe-Vorstand.

BMÖ. Darüber hinaus verteidigt er die laufenden Struktur-Änderungen der Wiener Neudorfer. „Das ist der absolut richtige Weg. Wir haben einfach keine Zeit mehr für komplizierte Schnittstellen und Prozesse und mussten schlanker werden.“ Der letzte Coup, die Zusammenführung von Billa, Merkur und Ware in die BMÖ-Organisation sei lange vorbereitet gewesen. „Der aktuelle Vorstand agiert kostengünstiger, schneller und effizienter. Damit können wir auch mehr Euro in unsere Flotte stecken.“

Sieben Regionen. Darüber hinaus bekräftigt er Rewes Weg Richtung De-Zentralisierung und die Aufschaltung von sieben Rewe-Regionen. „Regionalität wird auf allen Ebenen immer wichtiger.“ Einmal mehr bringt der Rewe-Chef dabei auch das Thema Öffnungszeiten auf das Tableau. „Wir brauchen die richtigen Rahmenbedingungen, um Amazon entgegentreten zu können. Der Handel darf nicht jammern und hoffen, dass dem Online-Riesen Stolpersteine in den Weg gelegt werden, sondern, dass wir neue Handlungsspielräume erhalten.“ So sollte gerade in Wien und neuralgischen Punkten die Öffnungszeiten völlig liberalisiert werden. „Ich spreche hier für eine Lösung von Montag bis Samstag, Sonntag soll frei bleiben.“ Dazu legt der Rewe-Chef auch eine Rechnung vor: „Jede Öffnungszeiten-Verlängerung hat ein Plus für den LEH gebracht. Derzeit decken sich einige Kunden noch immer im Ausland oder bei Kiosken ein.“

Herkunft Österreich. Ein weiteres Projekt: Haraszti will den Österreich-Anteil im Sortiment heben. Beispiel Ja! Natürlich: „80 Prozent der Palette wird hierzulande hergestellt. Das wollen wir weiter ausbauen.“ Auch das Bekenntnis zu 100 Prozent Frischfleisch bei Billa erneuert Haraszti. „Das ist wirklich etwas Besonderes.“ Darüber hinaus kündigt er eine Verdopplung der Bio-Eigenmarken-Linie bei Penny bis 2021 an. Überhaupt stellt der Vorstand seinen Eigenmarken ein positives Zeugnis aus: Clever legte in den letzten Monaten um 13 Prozent zu, Ja! Natürlich um zehn Prozent, Hofstädter um zehn Prozent sowie Da komm‘ ich her um acht Prozent. Mittlerweile bezieht die Rewe jährlich landwirtschaftliche Produkte im Wert von 2,5 Milliarden Euro aus Österreich. „Wir sind damit ein unglaublicher Wirtschaftsfaktor.“

Marketing. Individuelle Angebote gewinnen sukzessive an Bedeutung: „Deshalb haben wir aus drei Kundenclubs ein Multi-Partner-Programm ‚Jö‘ geformt.“ 3,8 Millionen Kunden sind bereits Mitglied. „80 Prozent unserer Käufer haben bereits eine Karte.“ Dementsprechend genauer fallen auch die Marketing-Maßnahmen aus: „Wir hatten ein haptisches Mailing zum Valentinstag ausgeschickt, das auf eine Einlösequote von 40 Prozent kam.“

Digitalisierung. Überhaupt war für Haraszti Corona ein Digitalisierungsbeschleuniger. Im Fokus dabei der Onlineshop: Die Bestellung haben sich hier verachtfacht. Dazu zählt Rewe 40 Prozent Neukunden. „Wir haben versucht, während der Krise die Kapazitäten um 80 Prozent zu erhöhen. 2021 werden wir nochmals ein Plus von 80 Prozent möglich machen.“ Dennoch: Ein lukratives Geschäft ist Online nicht. „Wir erlauben uns hier Geld zu investieren, obwohl wir über Jahre noch keine Gewinne schreiben werden. Wir wollen aber unbedingt wissen, wohin der Trend geht.“ Auf Ausbau stehen die Zeichen bei Click&Collect. Zuhause bestellen und in der Filiale abholen, ist mittlerweile bei 400 Geschäften möglich. „In einem halben Jahr werden wir bei 600 Märkten liegen.“

Corona-Auswirkungen. Die Covid-Krise sorgte für einen allgemeinen LEH-Rückenwind. Die Umsätze im gesamten Hygiene-Bereich sind um 50 Prozent in die Höhe geklettert, alleine die Warengruppe „Desinfektion“ stieg um 80 Prozent, Gummihandschuhe um 40 Prozent. „Auch die Putz-Segmente wie Glas- oder Küchen-Reiniger konnten um zwölf Prozent zulegen.“ Insgesamt wurden 100 Millionen Klopapier-Rollen und 1,3 Millionen Liter Handseife verkauft.

Politik. Mahnende Worte findet Haraszti für die Politik: „Ich würde mir wünschen, dass wir bei verschiedenen Maßnahmen rascher eingebunden werden. Ich denke da etwa an die Masken-Vergabe.“ Noch wichtiger wäre die Einbeziehung des Handels bei Fragen des Einwegpfands: „Wir haben praktische Expertise, die wir gerne einbringen würden. In Deutschland ging Mehrweg von 70 auf 40 Prozent zurück, weil Einweg legitimiert wurde. Diese Dimensionen darf man nicht außer Acht lassen.“